Der Vagabund

Von Ort zu Ort getrieben aus den Zwängen
In die begehrte Ruhe der Natur,
Gelingt es mir zeitweilig zu verdrängen
Das Ticken meiner innerlichen Uhr.

Von Herz zu Herz und jedoch eine Waise.
Erloschen ist das Feuer im Kamin.
Ein Vagabund ist nirgendswo zu Hause
Und keiner wartet sehnsüchtig auf ihn.

Beneidenswert der Glaube der Buddhisten.
Fern jedem Irrlicht- wie auch Todesbann
Man wandert in der Zeit wie in der Wüste
Von Los zu Los… Es wird schon… Irgendwann.

Das Glück

Aus hundertfünfzig Millionen Zellen
Hat die Natur die meine auserwählt.
Daraus entstand ein Mädchen namens Nelli
Was ohnehin schon zu den Wundern zählt.

Doch statt dem lieben Gott dafür zu danken,
Befragte ich den Schöpfer nach dem Sinn:
Wozu, weshalb, warum nicht etwas schlanker
und glücklicher ich seiner Meinung bin.

Der liebe Gott ist meistens sehr beschäftigt
Und zeigt sich einem armen Sünder kaum.
Darum erschrak ich neulich nachts so heftig,
Als er erschien und sprach in meinem Traum:

„Du manisch-depressive Schlaftablette,
Vergeudung meiner Kräfte und Elans!
Mal trostlos wie das regnerische Wetter,
Mal hibbelig wie eine dürre Wanz.

Ich habe dir das Nötigste gegeben:
Talent, Gefühle, Körper und Verstand.
Allein deswegen lohnt es sich zu leben,
Substanziell und tätig allerhand.

Es war nicht einfach dich zu animieren,
Ein Lied zu schreiben, ein Poem schon recht.
Ich musste dir die Sätze fast diktieren!
Ok, so manche waren wirklich schlecht.

Ein schönes Los, wenn wir beim Thema bleiben,
Gereimte Verse zaubern aus dem Hut.
Allein deswegen lohnt es sich zu schreiben.
Ok, so manche waren wirklich gut.

Wahrscheinlich hab‘ ich etwas übertrieben
Mit deinem feurigen Temperament.
Sich permanent in Falsche zu verlieben,
War wohl ein überflüssiges Talent.

Daher Enttäuschung und Desinteresse
Bezüglich Ehe. Doch der ganze Frust
Hat sich gelohnt, gib’s zu, und war vergessen
Mit einem süßen Baby an der Brust.

Nicht meine Schuld, dass du bevorzugst süße
Und fette Speisen, Schlankheit a apropos.
Du bist bestückt mit Händen und mit Füßen,
Mit klugem Kopf und einem runden Po.

Was du damit im Laufe der Jahrzehnte
Erreichen könntest seit dem Abitur!
Obwohl, als Model unter Wackelenten
Hast du die angemessene Figur.

Das Glück, du Schaf, ist überall verborgen:
Als Gänsehaut in einem schönen Song,
Im langen Schlaf an einem Sonntagmorgen
Und im Gewühl der Straßen von Hongkong.

Die Liste lohnt sich gar nicht fortzusetzen –
Finita la comedia, mein Kind.
Wer seine Einzigartigkeit nicht schätzte,
Hat eine nächste Folge nicht verdient.“

An dieser Stelle, blas und schweißgebadet,
Dank Gott und Wecker, wurd‘ ich plötzlich wach
Und dachte mit Verspätung: „Wirklich schade,
Dass ich so selten mit dem Alten sprach.“

Im Dorado der Triebe

Wir verlernen zu fühlen,
Ein Surrogat der Gefühle
Muss unbedingt her.
Um lebendig zu bleiben,
Lassen Menschen sich treiben
Im unendlichen Meer
Der Begierde Karibik.
Wenn untauglich für Liebe,
Gibt uns wenigstens Sex.
Bäuche, Brüste und Beine,
Suchen, finden, vereinen –
Heute hip, morgen Ex.
Austauschbar sind wir alle,
Herzensgut oder gallig,
Tauglich für eine Nacht.
Im Dorado der Triebe
Hat die ewige Liebe
Durch die Tränen gelacht.

Der Vampir

Es gibt ihn doch, den schmachtenden Vampir,
Der ungeniert von fremden Schmerzen lebt.
Schon ist das nächste Opfer im Visier,
Das er mit seinem kalten Scharm umwebt.

Wie herrlich duftet das Adrenalin!
Wie heiß pulsiert das zuckersüße Blut!
Ein Schluck davon berauscht und rettet ihn.
Er merkt nicht mal, dass er was Böses tut.

Lebendigkeit erfordert ihren Preis.
Danach kommt in der Ewigkeit ein Riss.
Mit weißer Kreide aufgemalter Kreis
Verdrängt ihn in die öde Finsternis.

*****

Dem Leben aus der Serie: „Man könnte,
Es wäre möglich, aber muss nicht sein“
Fehlt der Elan, die Überraschungspointe,
Verglichen mit dem Glück per Lottoschein.

Verbotenes erregt das Interesse –
Wir werden aus Erfahrungen nicht schlau!
Und besser schmeckt dem Gaumen fremdes Essen,
Und hübscher scheint zu sein die fremde Frau.

So sind die Menschen! In den Köpfen fiebern
Uralte Muster und der Futterneid.
Vieleicht bist du in mich verliebt, mein Lieber,
Wie ich in jenes viel zu teure Kleid?

Kalenderweisheit

Ich liebe das Geräusch der gelben Blätter
auf dem Asphalt.
Bald kommt der erste Frost, der Straßen Glätte –
das Jahr wird alt.
Dann pudert es Gesichter unser´ Städte
mit weißem Schnee,
Verziert die Tannen mit den Lichterketten
wie eh und je,
Verrutscht danach mit lautem Korkenknallen
ins neue Jahr
Und landet unausweichlich, wie wir alle,
im Januar.
Ein Neubeginn ergibt sich aus dem Ende
natürlich-schlicht.
Ich danke dir, Erfinder des Kalenders,
für Unterricht.

Das Herbstliche

Was für ein scheußlich-depressives Wetter!
Wie missgelaunt der Jammerlappen-Herbst!
Ich weine mit dem Regen um die Wette.
Mal sehen, wer berappelt sich zuerst.

Um meinen Frust zweckmäßig abzubauen,
Benutze ich gewöhnlich einen Stift,
Verwandle meines Geistes kalte Schauer
Ins melancholisch-zuckersüße Gift
Der Ärztin-Lyrik. Aus der Not der Lage
Gewinn zu schlagen – ist ein starkes Stück.
Der müde Herbst gibt sich von mir geschlagen
Und zieht sich bis auf Weiteres zurück.

Die Sonne hat erneut die Welt erobert
Und lockt mich in die Wälder nebenan.
Der leicht verwirrte goldene Oktober
Schmiegt sich vertraut an pralle Bäume an.