Empörung

Wie ist es möglich länger auszuhalten?!
Den Schock über die ersten tiefen Falten,
Die grauen Haare, die wie Pilze sprießen,
Über die neuen Handys nichts zu wissen,
Den hormonellen Umschwung und die Pein,
Als Frau nicht mehr begehrenswert zu sein.

Wie soll man diese Tatsachen ertragen?!
So unspektakulär vergehen Tage
Und, ganz zu schweigen, schlaflos lange Nächte,
Auf neue Liebe ausgemerzte Rechte
Und andere uns auferlegte Hürde.
Es gibt nur eine Möglichkeit – mit Würde!

17.01.2017

An den Musiker

1.
Ach wäre ich doch zwanzig Jahre jünger,
Naiv und frei von allerlei Bedenken,
Verliebt in deine virtuosen Finger,
Die so gekonnt eine Ekstase schenken
Der stöhnenden und weinenden Gitarre –
Der einzigen und willigen Geliebten.
Ich wäre fähig Tage auszuharren
Für eine Stunde im besagen siebten
Und unerreichten Himmel. Auf der Erde
Verbringe ich den Rest von meinem Leben
Aus schwacher Hoffnung und aus deren Scherben:
Es könnte auch für mich ein Comeback geben.

2.
Dein neues Lied, wenn auch nicht mir gewidmet,
Erzählt mir, was ich wieder glauben möchte,
Die eingefleischte Skepsis überwindend:
Es gibt sie doch, die schlaflos schönen Nächte
Mit den gereimten Worten auf den Lippen,
Mit einem Wunsch nach Nähe in den Augen
Und mit den Fingern, die auf meinen Rippen
Die Melodie der Leidenschaft erzeugen.

3.
Der Weg nach Hause führt durch dunkle Kälte.
Kontraste machen uns nicht immer glücklich.
„Hör auf zu träumen, dumme alte Krücke.
Er ist ein Gast aus parallelen Welten,
Zu jung, zu selbstverliebt, zu expressiv
Und höchstwahrscheinlich manisch-depressiv!“

16.01.2017

Die Primzahlen-Romanze (Fabel)

Die schlanke Elf, verliebt und reizend,
Sprach ungekünstelt zu der Dreizehn:
„Uns Zahlen gibt es eine Schar,
Doch wenige als Zwillingspaar.
Wir beide sind so einzigartig,
So einsam. Und wozu noch warten
Auf Stelldichein mit irgendwem
In einem schlauen Theorem.“

Die müde Dreizehn seufzte leise
(Sie hielt sich für besonders weise):
„Die Zweisamkeit ist gar nicht cool.
Ich bin ja schließlich keine Null,
Die sich an alle Zahlen klammert,
Sonst ist sie nichts. Was für ein Jammer!
Doch eine Primzahl wiederum
Ist selbst ein Individuum.“

„Das bin ich auch!“ – versprach das Elfchen.
„Dir fehlt ein Wert – ich habe welchen.
Zusammen bilden wir zumal
Die Vierundzwanzig – ein Zahl
Mit weiteren Bewusstsein Grenzen
Und sozialen Kompetenzen,
Ein Team, durch drei und acht geteilt,
Wenn nicht, dann bleiben wir zu zweit.
Was für ein Traum, normal zu sein!
Und niemals, niemals mehr allen!“

Die Dreizehn: „Elf, was willst du hören?
Ich kann dich leider nicht begehren.
Vom abergläubisch-dummen Volk
Als Buhmann wurde ich verfolgt.
Erspar‘ mir die Gefühlsergüsse –
Ich bin für diese Welt verschlüsselt:
Und unersetzlich irgendwie
Auf dem Gebiet Kryptographie.
Verzeih‘ mir meine raue Seite,
Ich bleibe stets ein Außenseiter,
Mit Drei plus Zehn bereits zu zweit –
Gespaltene Persönlichkeit.“

Verletzt in ihrem Selbstbewusstsein
Verstummte Elf. Was sie nicht wusste,
Dass manche Träume sind nur schön,
Wenn sie nicht in Erfüllung geh’n;
Dass viele krumm gestrickte Zahlen,
Ob Primchen oder die „Normalen“,
Sind nur verschlossen angenehm
In ihrem eigenen System.

15.01.2017

Die ausgleichende Gerechtigkeit

Auch schöne Frauen werden einmal alt.
Da hilft auch nicht die Körbchengröße „D“.
Die Zeit ist eine höhere Gewalt
Und gnadenloser als NKWD.

Aus jedem Yang wird irgendwann ein Yin –
Das Universum strebt nach Gleichgewicht.
Nicht, dass ich schadenfroh und neidisch bin
Und ein zu schlichtes Wesen aus mir spricht…

Das Leben selbst, in diesem Fall gerecht,
Erteilt den Eitlen eine Lektion:
So ist es zu verlieren im Gefecht
Pilates gegen Gravitation.

12.01.2017

Es schneit

Es schneit. Meine russische Seele
Freut sich und schmerzt zugleich.
Der Garten pudert sich mehlig,
Die Fische schlafen im Teich.

Im Park verhüllt sich der Rasen
In weiße Spitze und Tüll.
Die Flocken kitzeln die Nase –
Ein altvertrautes Gefühl.

Die Straßen sind eisig-gläsern
Und glatt wie gepelltes Ei.
Mein fleißiges deutsches Wesen
Schaufelt sich Wege frei.

Mal mutig, mal weniger tapfer.
Auf meine Sehnsucht fällt weich
Der Schnee – eine schöne Metapher –
So kalt und so warm zugleich.

02.01.2017

An den Fremden

Auf einem Fest, wo jedermann verkleidet
und fröhlich wirkt im glamourösen Licht,
Sah ich von Winterblässe angekreidet
Ein unbekanntes trauriges Gesicht.

Ich lese gerne traurige Gesichter –
In jedem steckt ein seitenreiches Buch –
Und kann das gut, sonst wäre ich kein Dichter
Mit einer Gier nach Menschen und der Sucht,
Sie zu durchschau’n. Doch dieses sprach in Rätseln,
Gefühle unterdrückte es geschickt,
War fast mit einer Maske zu verwechseln,
Wenn nicht der dunklen Augen wacher Blick.

Nachsichtig-weise und gestellt entfremdet –
So sieht ein Vater an sein dummes Kind.
Ein müder Mann und überall ein Fremder,
Entschuldige, dass wir so töricht sind.

Was suchst du hier? Ob dir die Menschen fehlen?
Hoffst du in diesem lauten Wespennest
Den Grund zu finden oder eine Seele,
Die du hinter die Mauer blicken lässt?

Um all die klugen Wahrheiten vergessend,
Verzückt zu leben, ohne Angst im Kopf,
Dass alles endet. Also ist es besser,
Die Sehnsucht abzuschalten mit dem Knopf
Der altbekannten bitteren Erkenntnis:
Wir sind nur Geisel der zu knappen Zeit.

Warum kommt es mir vor, dass ich dich kenne?
Warum tust du mir so unendlich leid?

01.01.2017

An meinen Mus

In Memoiren habe ich gelesen,
Dass jeder Dichter, wenn er etwas taugt,
Braucht eine Muse – ein begehrtes Wesen.
Was heute allerdings ein bisschen out.

Als eine Frau und offenbar nicht lesbisch
Ich wünsch‘ mir auch ein passendes Objekt
Für meine Verse, lyrisch oder episch,
Und finde dich. Nobody ist perfekt.

Ich gebe zu – ist nicht besonders witzig
Und seitens Schicksal spöttisch und gemein,
Von einer Muse, männlich, Mitte fünfzig,
Mit Bauch und Glatze, inspiriert zu sein,

Und hoffe doch auf das ersehnte Funkeln
Und nenne dich Geschlechtes wegen Mus.
Nach drei Tequilas bist du schön… im Dunkeln.
Nur deine Füße machen mich konfus.

Sie ragen aus der kurzen Federdecke
Und weisen Zeichen der akuten Gicht.
Ich gehe zu dem Schreibtisch in der Ecke
Und reime dieses traurige Gedicht:

„Wie alles in der Welt sind wir vergänglich.
Die Musen altern, die Poeten auch.
Mein Streben nach dem Glück ist unzulänglich
Und im Vergleich zur Ewigkeit ein Hauch.“

Gefällt mir gut. So weise und symbolisch.
Mein lieber Mus, du hast den Zweck erfüllt.
Ich fühle mich so herrlich-melancholisch
In dein uraltes Schnarchen eingehüllt.

29.12.2016

*****

Manche sind gebildet,
andere eingebildet
Manche unwiderstehlich,
Andere wollen es sein.
Einige sind gesprächig,
Schweigsam und still sind welche
Wenige offen und ehrlich,
Viele wahren den Schein,
Dass hinter der Fassade
Farbige läuft Parade:
Leben voller Gefühle,
Rätselhaft und markant.
Doch über all die die Jahre
Mache ich die Erfahrung,
Leider sind nicht so viele
Wirklich interessant.

16.12.2016

Die Liebe

Ich sage der Liebe Lebwohl,
Der Suchenden, der Begehrten.
Einen geschenkten Gaul
Sollte man nicht bewerten.

Wir richten sie trotzdem oft,
Die Leidende, die Verpönte.
Als ob wir davon überhäuft
Und jederzeit haben könnten.

Erleben im nächsten Wahn
Die Hungernde, die Gekränkte,
Bereit die Naive an
Den Spottenden zu verschenken.

Verschone mich Liebe fortan
Mit deinen bizarren Manieren.
Ich nehme Geschenke nicht an.
Ich kann mich nicht mehr revanchieren.

12.12.2016

Die Seelenblindheit

Die Seelenblindheit – meines Geistes Wahn
Nur das zu sehen, was mich nicht verwundet.
Ich hätte dieses schlaue Wort erfunden,
Wenn das schon jemand anders nicht getan.

Über mich selbst am lautesten gelacht,
Aus meinen Fehlern eine Lehre formend,
Entgegen der gesellschaftlichen Normen,
Ich überließ den Träumen ihre Macht

Und lebte wissbegierig, ohne Angst
In meiner Welt, so herrlich-unvollkommen.
Und dann kamst du und hast mir das genommen,
Was du nicht brauchst, belächelst und nicht magst.

Die Zeiten der Gedichte sind vorbei.
Es folgen Seiten der gemeinen Prosa.
Das neue Jahr versetzt mich in Narkose
Mit der erprobten Alltagsarznei.

11.12.2016