Das Mädchengebet

„Heilige Mutter Maria,
Ich bin ja nur ein Mädchen,
Hilflos, unsichtbar und kein,
Eines riesigen Uhrwerks
Unbedeutendes Rädchen.
Wie soll ich leben und sein
In dieser eisernen Welt?“

„Mein Kind, keine Angst,
Du bist nicht allein
Es ist schön, wenn du kannst
Teil des Ganzen sein.“

„Heilige Mutter Maria,
Bin ich zu jung für die Liebe?
Warum besucht sie mich nicht?
Jede Nacht kommen Träume
Wie verstohlene Diebe
Tagsüber schluckt sie das Licht
Dieser chaotischen Welt.“

„Liebe ist überall –
Sie ist Zweck und Ziel.
Fang den Ball, wirf den Ball
Wie in dem Kinderspiel.“

 

Im Labyrinth der Träume

Im Labyrinth der Träume meiner Seele
Verirrte sich ein menschenscheues Kind,
Entsprechend einsam und so traurig-elend,
Wie kranke Kinder es gewöhnlich sind.
Ich wollte es belehren, heilen, tadeln –
Doch konnte es nun wirklich nichts dafür,
Dass ihm entglitt der Ariadne Faden
Und das gemeine Schicksal schloss die Tür
In eine Welt, wo ohne Opfergaben
Die Götter unser einem gnädig sind,
Und Träume, wie die Sterblichen sie haben,
zerschellen nicht wie Echo gegen Wind.

Weltanschauliches

Früher standen die Weisen an den strömenden Flüssen,
Sangen heilige Mantras, warteten auf Erleuchtung,
Rühmten welkende Blumen für den Mut loszulassen
Und gewöhnten sich fügsam an den Kreislauf der Dinge.
Heute stehen wir alle an dem kreisenden Fließband,
Testen wechselnde Bilder, füllen Köpfe und Bäuche,
Sind wir glücklicher, wenn wir lechzen, lieben und hassen,
Oberflächliche Lieder mit Begeisterung singen?

Allen Suchenden – Ehre, jedem Finder – das Seine,
Ob Samsara, ob Atman, Goldmund oder Narziß.
Alles hat einen Ursprung. Wem gebührt das Verneinen
Dieses Lebens alias Zweifel und Kompromiss?

Ein fröhliches Begräbnis

Ich wünsche mir ein fröhliches Begräbnis.
Es klingt zwar kitschig, ist nicht wirklich neu,
Doch ziemlich logisch so wie die Erkenntnis:
Die Pflicht zu sterben macht uns lebensscheu.

Es ist nicht einfach Dramen gutzuheißen
Und weil man auch persönlich da sein muss,
Ich würde lieber eine Party schmeißen,
Als sozusagen konsequenten Schluss.

Man könnte alles haargenau bedenken,
Das Ambiente testen im Voraus,
Den Ablauf planen, Auswahl der Getränke,
Die Partyhäppchen und den Totenschmaus.

Es wäre möglich, Leute einzuladen,
Die mir bekannt als lustig und relax.
Es würde auch wahrscheinlich keinem schaden,
Falls zu der Party kommen meine Ex.

Und macht mir bitte keine Komplimente:
„Sie war so talentiert, so nett, so klug!“
Spricht lieber über peinliche Momente –
In meinem Leben gab es sie genug.

Bin keine tolle Tänzerin geworden,
Doch wenn ihr Salsa tanzt – das wäre fein.
Verstorben werd ich zwar nicht aufgefordert,
Doch kann deswegen keinem böse sein,

Nur gucken. Wenn davon Gerüchte stimmen,
Dass ich noch eine Weile bei euch bin
Und, wie ihr wisst, nicht einfach wegzubeamen,
Wenn die Musik noch klingt und sprudelt Gin.

 

Reinkarnation

Dann soll’s nicht sein. Ich bin die Falsche eben
Und leider kein gutgläubiger Buddhist,
Sonst hätt‘ ich mich gerächt im nächsten Leben,
Sonst würdest du erfahren, wie es ist,

So nah zu sein und trotzdem unberührbar,
Wie Nuklearbehälter ohne Blei,
Nach außen lass‘ ich meine Stärke spüren,
Im Inneren – ein Edvard-Munch-Geschrei.

Im nächsten Leben wär‘ ich eine Diva –
Unwiderstehlich-kühl in meiner Art.
Und du  – ein Künstler ohne Perspektive,
Mein Fan, mein Fahrer oder Bodyguard.

Du würdest Verse schreiben oder Lieder
Für mich, verwöhntes, ignorantes Biest…
O, lieber Gott! Wohin verschlägt mich wieder
Die Phantasie! Wenn das hier einer liest!

Reinkarniert zurück an Ort und Stelle,
Zu einer kleinen Sünderin geschrumpft,
Ich lande, etwas später, in der Hölle
Für meine Schwärmerei und Unvernunft.

Das Wesen der Liebe (2)

Für Liebe kämpft man nicht – sie gibt es gratis,
Und wie es aussieht meistens unverdient,
So wertvoll wie ein neuer Maserati
Und spannend wie ein Zahlenlabyrinth.

Doch hat der reich Beschenkte keine Ahnung,
Was er mit diesem Sauglück kann und muss,
So fährt er einen schlichten Koreaner
Oder flaniert alleine und zu Fuß.

Die kognitive Dissonanz

Ich war noch niemals in New York
(Michael Kunze)

Ich war noch niemals in New York
Sowie in vielen andren Orten.
Doch bin ich deshalb nicht besorgt –
Dafür war ich zehnmal in Dortmund.

Als Dichter kennt mich keine Sau,
Sind ausgeblieben die Tantiemen.
Vergeblich stellte ich zur Schau
Meine Geheimnisse intime.

Im Englisch bin ich nicht gewieft,
Trotz Mühe  – keine Polyglotte.
Das Russische in Wort und Schrift
Beindruckt keinen, leider Gottes.

Ein Leben reichte mir nicht aus,
Um alle Pläne auszuführen.
So wollte ich den alten „Faust“
Nochmal vernünftig durchstudieren,

Auch wenn es wirklich nicht so leicht,
Franz Kafka lesen, Wagner hören,
Nicht weil es Spaß macht, um vielleicht
Die Egozentriker zu ehren.

Und wenigstens nur einmal mich
In einen Musiker verlieben
(Zu schwache Hoffnung lediglich
Zu landen auf der Wolke sieben).

Dem kunterbunten Altendorf
Ade und Danke einmal sagen,
In einem kleinem Fischerdorf
Am Meer den neuen Anfang wagen,

Um dort am Schreibtisch tagelang
Mit Buch und Stift die Zeit vertreiben
Und leben ohne Stress und Zwang,
Und einen Psychokrimi schreiben.

Ein Traum! Der trägen Seele Dunst
Hat trotzdem seine Relevanzen.
Jean-Jacques Rousseau erklärte uns
Den Sinn der ungenutzten Schanzen:

Erfüllt, verlieren sie den Lack
Und machen uns nicht wirklich glücklich.
Was zählt – ist nur der Vorgeschmack,
Die Zeit, bevor wir sie verwirklicht.

Und deshalb gehe ich zu Work
Und mache Urlaub in dem Garten.
Und eine Reise nach New York
Muss wiederum ein Bisschen warten.

26.04.2017

Windig

Der Ahorn wie ein Dirigent
Schwenkt in die Luft die schlanken Zweige.
Der Frühling feiert sein Event
Mit Regenguss und Wolkenreigen.

Der Wind, ein Schuft und Bösewicht,
Heult auf und hoffentlich zum Abschied
Vor meinen Augen schämt sich nicht
Die junge Birke zu begrapschen,

Guckt einer Frau unter den Rock,
Verscheucht vom Dach die freche Elster,
Verpasst auch mir den Kälteschock
Und zwingt zum Schließen aller Fenster.

Ich habe Urlaub – muss nicht raus
Und finde mich in Federn wieder,
Und feiere allein im Haus
Geburtstag meiner neuen Lieder.

Mein Sabbat

Früher – stachelich-eitel
Wie meine Edelrosen,
Warte ich auf den Freitag,
Sammlerin der Almosen.

An dem heiligen Sabbat
Kommen Einsicht und Reue,
Wie auf die Wunde Salbei
Auf meine Seele streuend.

Zeit, die die Tage klonte,
Nächte gebar in Wehen,
Spendet mir Trost am Sonntag,
Gnade der Auferstehung.