Ich und der Regen

Ich wache auf – am Fenster tobt der Regen.
Er pfeift auf Maßgefühl und auf Vernunft.
Genau wie ich, ein stürmischer Kollege,
Vom gleichen Schlag und aus derselben Zunft,

Weil wir uns ständig nach Erfrischung sehnen,
Wir fallen, aber bleiben ungebeugt.
Er schreibt mit Regenwasser, ich mit Tränen –
Es kommt heraus dasselbe trübe Zeug.

Und manchmal sind wir beide ausgewogen,
Gemütlich, warm, getränkt mit Sonnenlicht.
Dann basteln wir: er einen Regenbogen
Und ich – ein optimistisches Gedicht.

Eine Sommerfantasie

Ich fordere eine Belohnung
Ich bin ja schließlich nicht dumm!
Kein‘ Schritt mach‘ ich nicht mehr ohne
Und keinen Finger krumm.

Genug von Vernunft und Verständnis,
Von Arbeit und Disziplin.
Bereite ich nun ein Ende
Dem jammernden russischen Spleen.

Zum Teufel das gute Benehmen,
Bescheidenheit und Geduld!
Ich bin bereit anzunehmen!
Was ist mir das Leben Schuld?

Fürs erste im Lotto gewinnen!
Dann könnte ich endlich schnellst
Mein Haus veredeln von innen
Und von außen mich selbst.

Ich wünsch‘ mir exotische Pflanzen,
Beheizbaren Swimmingpool,
Einen Partner zum Tanzen,
Charmant, elegant und cool.

Persönlicher Fitnesstrainer
Wäre vielleicht nicht verkehrt,
Friseur, Visagist, Entertainer,
Und einer, der mich begehrt!

Ich will nicht mehr brav und artig!
Was nutzt mir das hohe IQ!
Mir ist momentan nach Party,
Nach Grillfest und Barbecue!

Glaube… Liebe… Hoffnung…

Selig. Arm. Unvollkommen.
Menschen jammernde Brut.
Gierig schlingen die Frommen
Jesus‘ Leib und Blut.
Betteln, warten auf Wunder –
Wem genügt’s, den erfreut’s.
Zweifelnd, schwach und verwundet
Hängt mein Glaube am Kreuz.

Selbstlos. Krank. Unromantisch.
Und zu allem bereit.
Karg wie die Wüstenlandschaft –
Kein Versteck weit und breit.
Kein Zurück, keine Rettung.
Ich entsinne mich noch,
Wie die Liebe-Verräter
In meine Seele kroch.

Unbewusst oder offen,
Kindisch-stur und naiv,
Hält am Leben die Hoffnung,
Geht es wieder mal schief.
Ohne sie – ins Verderben.
Ohne sie bin ich frei.
Da zu sein oder sterben
Ohne sie – einerlei.

An mein Leben

So wie ich möchte, kann ich dich nicht lieben.
Jetzt schau nicht weg! Du bist damit gemeint:
Ein bisschen Glück und viele Schicksalshiebe –
Das sage ich nicht nur, weil es sich reimt.

Natürlich könnte es mich härter treffen.
An vielen Dingen bin ich selber schuld.
Statt zu verzweifeln oder laut zu kläffen,
Ich übte mich in Demut und Geduld.

Die Schicksalsfee schätzte meine Mühe,
Und schenkte mir Almosen ab und zu.
Nun bin ich dankbar, weise und genügsam
Und frage nicht nach weshalb und wozu
Das ganze Drama. Zahle brav den Eintritt –
Der letzte Akt bleibt Gott sei Dank vertagt.

Von dieser Rede keineswegs beindruckt
Vergeht der nächste meines Lebens Tag.
Mit einem fleißig-pingeligen Regen
Erfrischt er meinen Garten und das Haus.
Ich bleibe faul und träge seinetwegen –
Bei diesem Wetter kriegt mich keiner raus.

Kein Pflichtgefühl und keine sieben Pferde!
Dann lieber einen letzten Gnadenschuss!
Sogar der Hund ist suizidgefährdet,
Weil er noch einmal Gassi gehen muss.

Noch kein Urlaub!

Der Regen zeichnet parallele Striche,
Der Himmel – wie ein Waschbrettbauch gewellt.
Das Bild im Fenster – bleistift-grau gestrichelt,
Von Pessimisten als Beweis bestellt
Beim lieben Gott, vielleicht auch bei dem lieben
Allmächtigen geprimten Amazon.
Die Konkurrenten von der Wolke Sieben
Beliefern eine and’re Region.
Die, wo bereits die Römer und Griechen
Den Sonnengott verehrten und wohin
Uns dieses Jahr der Sommer ausgewichen
Und wo ich manchmal wunschlos glücklich bin!

Die Leichtigkeit des Seins (2) (Nach Milan Kundera)

Von allen Menschen ringsherum
Hat meine Seele ausgesucht
Dein Herz. Und weiß nicht mal warum,
Bist du die Droge meiner Sucht.

Wie oft hab‘ ich ihr schon gesagt,
Durch ihre Wahl verblüfft-empört:
„Wir haben jedes Mal versagt,
Wenn nur auf deinen Rat gehört!“

Wir – sind der Kopf, der Bauch und sie,
Das flatterhafte blinde Huhn,
Mit einem Hang zur Amnesie
Und manchmal wild wie ein Taifun.

Vernunft und Logik außer Acht,
Mein dummes Seelchen träumt sich weg
Aus dieser regnerischen Nacht
In ein gemütliches Versteck,

Wo du für mich kein Fremder mehr,
Verständlich wie das Einmaleins,
Wo alles möglich mit Gewähr
Auf eine Leichtigkeit des Seins.

Die Leichtigkeit des Seins (nach Milan Kundera)

Wir wachen auf und formen uns tagtäglich,
Den kleinen Tod verwunden über Nacht.
Die Leichtigkeit des Seins ist unerträglich –
Ihr paradoxes Wesen tritt in Kraft.
Und jeden Abend, an Erfahrung reicher –
Im Überwinden liegt die hohe Kunst,
Verstehen wir: Das Ziel ist unerreichbar,
Die Leichtigkeit ist einfach nicht für uns.
Das Selbstbewusstsein – ein Geschenk des Schöpfers
Enthält das Streben nach Perfektion
Und ist nicht zu verdrängen aus den Köpfen
Mit Selbstbetrug und Meditation.
Illusionen, Lüste oder Träume,
Vergnügen aller Art und Arbeitssucht,
Die Gnade des Vergessens des Versäumten
Verschaffen uns die Wege auf der Flucht
Aus diesem Sein und der prekären Lage,
An ihm zu hängen, ohne die Gewähr,
Dass wir die Last der Leichtigkeit ertragen,
Wenn sie nur irgendwie erreichbar wär‘.

Gesund zu sterben wäre einfach schade

Gesund zu sterben wäre einfach schade
Für Geist und Seele und den guten Rumpf.
Gewohnt zu leben wie im Speck die Made,
Plädiert mein Anwalt auf die Unvernunft.

Er ist ein schlauer Fuchs und Rechtsverdreher,
Mein innerer bequemer Schweinehund.
Verteidigt leidenschaftlich meine Fehler
Und jedes mal aus einem guten Grund:

Verzicht auf Zucker als legale Droge
Erspart vielleicht den teuren Zahnersatz,
Doch steigert Kosten für den Psychologen,
Der wiederum das Altbekannte schwatzt.

Der qualmenden Bevölkerung Vertreter,
Jetzt weiß ich, dass man sich nicht schämen muss,
Weil auch die sehr vernünftigen Tibeter
Die Tabakschwäche halten für Genuss.

Das Joggen ist nicht gut für die Gelenke,
Das haben sie im Fernsehen gebracht.
Mein Schweinehund genehmigt die Bedenken,
Sonst hätte mich das Turnen umgebracht.

Cholesterin ist gut für Zellenbildung.-
Zu schlanke Frauen sehen älter aus.
Er muss mir diesen Stuss nur einmal schildern –
Ich kriege ihn aus meinem Kopf nicht raus.

Warum ich diesen Schuft noch immer dulde,
Erklärt die kognitive Dissonanz.
Der Urteil lautet: Nein, du bist nicht schuldig!
Beschwerden – an die höhere Instanz.

Das Wesen der Liebe (3)

Wie ist die Liebe, die uns wünschenswert
und manchmal schicksalsprägend scheint zu sein?
Ist sie gerecht verteilt oder gemein?
Schenkt sie uns Ruhe oder umgekehrt?

Sie ist diskriminierend – das ist klar,
Denn wenn du einen liebst, ist dir der Rest
So überflüssig-lästig wie die Pest
Und so „erwünscht“ wie Teufel am Altar.

Verliebtes Herz verwandelt sich in Eis
Zu allem, was es früher noch begehrt.
Verlässt die Eltern und den Freundeskreis,
Weil es angeblich in den Sternen steht,

Und folgt dem Schwarm, bis an den Rand der Welt,
Verrückt und ohne Rücksicht auf Verlust!
Und wenn das Vielversprechende nicht hält,
So sagt man ihm: wir haben es gewusst!

Denn jeder wurde einmal schon enttäuscht,
Verlassen, ausgemustert, ausrangiert,
Durch eine neue Liebe ausgetauscht
Und, wie bereits erwähnt, diskriminiert.

Das Vogelkonzert

Ein kleiner Spatz gab heute in den Zedern
Für mich und für die Sonne ein Konzert.
Wir hingen ab: sie in den Wolkenfedern,
Ich – auf der Liege, nicht so weit entfernt,
Vom Vogel, meine ich, nicht von der Sonne,
Und hatte einen richtig guten Platz,
Beobachtete neidisch und besonnen
Wie selbstvergessen trällerte der Spatz.
Im B-minor die immer gleichen Töne,
Das Pi-pi-pi als Text unkompliziert.
Nicht weiter schlimm – ihn haben die Belohnung
Und Anerkennung gar nicht interessiert.
Nur Menschen haben sämtliche Komplexe,
Zermürben sich mit Zweifeln das Gehirn.
Man sollte öfter singen und relaxen –
Das wischt die Sorgenfalten von der Stirn.
Die faule Sonne wärmte uns gleichgültig.
Es war ihr offensichtlich ganz egal,
Ob ich mich endlich vogelähnlich fühlte
Als Krähe oder doch als Nachtigall.