Von grauen Mäusen und bunten Vögeln

Eine Fabel

In einem Garten, sagen wir in meinem,
Hausierte eine brave graue Maus.
War pflichtbewusst, adrett, mit sich im Reinen,
Und lebte, so gesagt, in Saus und Braus.

Sie sammelte und wühlte wie besessen,
War immer satt, vielleicht zu satt sogar,
Hat meine Tulpenknollen angefressen,
So wurde nichts daraus im letzten Jahr.

Und irgendwann vernahm sie ein Gejodel,
Erzeugt durch einen unerwünschten Gast,
Und sah im Kirschbaum einen bunten Vogel,
Der Früchte aß und wippte auf dem Ast.

„Mach‘ keinen Lärm, du freche bunte Fratze“, –
Sprach sie zu ihm aus tiefster Angst und Not. –
„Sonst weckst du noch die faule weiße Katze,
Dann sind demnächst wir beide mausetot.

Mit deinem Rumgetöse und Geflatter
Blamierst du deine Sippe und dein Nest.
Was lehrten dich die Mutter und der Vater?
Nimmst du die deutschen Tugenden nicht ernst?

Das Leben ist kein Spaß, kein Kirschenessen,
Nur ein aus Pflicht und Arbeit schweres Joch.“ –
So sprach die Maus. Der Lage angemessen
Verschwand sie kurz danach im dunklen Loch.

Wer Kitty kennt, der weiß, wie ernst ich’s meine,
Denn Maus und Vogel sind inzwischen tot.
Doch flog und sang sein Leben lang der eine,
Die andere versteckte sich bedroht.

Ich hasse Moralisten aller Arten
Und selbsternannte Besserwisser mit,
Doch wenn das jemand hier von mir erwartet,
So kommt an dieser Stelle das Fazit:

Es ist erlaubt, im kleinen Maß zu mogeln.
So manche Opfer zahlen sich nicht aus.
Drum lieber ein verzückter bunter Vogel
Als eine müde pflichtbewusste Maus.

Trug und Sakramente

Es lebe Dummheit und Illusion,
Und jede friedliche Religion!
Denn, stellt euch vor, wenn jeder Schwachkopf wüsste,
Dass das Konzert der Dünen in der Wüste
Durchaus erklärbar ist als Konsequenz
Der Rutschgeräusche niedriger Frequenz;
Dass der purpurne Sonnenuntergang
Verschmutzte Luft ist oder der Gesang
Der lauten Grillen und der frechen Vögel
Bedeutet nur den simplen Ruf zum Vögeln.

Wie einsam wären Menschen ohne Gott.
Beschäftigt mit dem lieben Alltagstrott,
Wir wären selbstverständlich sehr betrübt,
Weil uns, die Auserwählten, keiner liebt,
Und einige auch sauer, Zweifel ohne,
In Anbetracht der fehlenden Belohnung
Für den Verzicht auf die beliebten Sünden.

Wenn alle alles wüssten und verstünden,
So wäre rundherum so wenig los:
Die Dichter wären alle arbeitslos.
Es gäbe keine Wunder auf der Welt,
Wir hätten die Romantik abgestellt,
Die Sonnenuntergänge ignoriert,
Die Zwitschernden und Zirpenden kastriert,
Damit wir endlich in der Herrgottsfrühe
Behaglich schlafen könnten. Keine Mühe,
Kein Sterbenswort und keine Energie
Verschwenden würden wir für die Magie
Der einzig lebenswürdigen Momente:
Für Geist und Seele – Trug und Sakramente!

Eine Beobachtung

Woran erkennt man eine alte Frau?
Nicht weil sie weise wird und doppelt schlau,
Nicht am Gesicht, nicht an der Seelenruhe –
Man sieht es an den weichen Rieker Schuhen!
Der Gicht zuliebe und den großen Zehen
Lässt sie die schicken Pumps zu Hause stehen.

Woran erkennt man einen alten Mann?
Nicht weil er immer will, und selten kann,
Nicht an gefärbten Haaren und Perücke
Man sieht es an den unbeherrschten Blicken.
Sei noch so jung das Opfer der Begierde,
Der alte Klepper traut sich an die Hürde.

Über die Treue

Die Treue artet aus zu einer Bürde
Für Menschen mit Prinzipien und Scham.
Und wenn wir uns nicht selbst beschwindeln würden,
So wäre keiner treu und monogam.

In Anbetracht der Christlichen Gesetze
Ist dieser Zustand sichtlich nonkonform,
Die Seitensprünge immer noch verletzend
In jedem Alter und in jeder Form.

Auch bei den abgebrühten Atheisten
Gilt dieser Trieb als menschlicher Defekt,
Obwohl als altbekannter Atavismus
Anthropologisch-logisch ganz korrekt.

O, bitte-bitte! – Keine falsche Schlüsse.
Ich schätze auch das traute Glück zu zweit
Im Rahmen der romantischen Kulisse,
Doch in der Praxis nach gewisser Zeit

Ersticken leidenschaftliche Ergüsse,
So sicher wie das pawlow’sche Reflex.
Es bleiben leider nur die Kompromisse
Und hin und wieder eingeübter Sex.

Glücklich nach Hirschhausen

Kontraste machen glücklich. Happy End
Hat einen Sinn, wenn erst mal Tränen fließen.
Und geht es uns bescheiden im Moment,
So sind wir umso glücklicher anschließend.

Nach dieser ausgefuchsten Theorie
Versuche ich mein Leben zu verändern.
Zum Test geeignet wären die Prärie,
Die beiden Pole und verarmte Länder.

Ich buche mir ein schäbiges Hotel
Und gönne mir vom Wohlstand eine Pause.
Begreife nach der Ankunft ziemlich schnell,
Wie glücklich werde ich demnächst zu Hause.

Die Hitze macht mich fertig. Vehement
Sind in der Wüste sandige Gewitter.
Wie schnell zu schätzen habe ich gelernt
Den deutschen Sommer und sogar den Winter.

Das mit dem All-included war ein Fake.
Ich würge Hirsebrei und Kefir runter.
Im Vorgeschmack auf ein gegrilltes Steak
Seit vierzehn Tagen knurrt mein Magen munter.

Ich ignoriere jeden coolen Mann
Und date einen spießigen Langweiler.
Und als ich eine Fliege machen kann,
Bin ich tatsächlich happy eine Weile.

Was jetzt passiert – ist schließlich einerlei,
Doch eines Tages wird mein Traum verwirklicht.
Und wenn der gut geplante Mist vorbei,
Bin ich, gemäß Hirschhausen, wunschlos glücklich!

Peinlich

Ich schreibe wieder peinliche Gedichte.
Mein bester Freund erläutert das Problem,
Indem er mir zwei Stunden lang berichtet,
Wie listig ist das limbische System.

Es produziert im Körper Opiate,
Benebelt das empfindliche Gehirn
Und schreibt dem halbbetäubten Kandidaten
„Verliebt-verblödet“ mitten auf die Stirn.

Die aktivierte rechte Hemisphäre
Mit Dopamin getränktem Intellekt
Erzeugt für die sich nähernde Affäre
Ein illusorisch-passendes Objekt.

Ihr lieben Botenstoffe und Thalamus,
Erspart mir diese Flausen und die Pein,
Geduldig wie ein Lehrling Dalai Lamas
In einen müden Kauz verliebt zu sein.

Mein Kumpel liegt mir ständig in den Ohren
Mit seiner Predigt, meint es aber nett:
„Der schräge Typ hat wirklich nichts verloren
In deinem Kortex und in deinem Bett.“

Ein neues Kleid

Das Kleid abzulegen ist nur ein halber Akt
Des freien Willens, gerühmt von dem Weisen Erasmus.
Ohne ein Neues fühlt sich die Seele nackt,
Erfüllte Wünsche – wie ein schwacher Orgasmus.

Die lähmenden Zweifel stehlen die kostbare Zeit,
In Gottes Händen stöhnt der geknechtete Wille.
Das Leben liefert den Stoff für ein neues Kleid,
Das Marihuana erweitert nur die Pupillen.

Mit der Erkenntnis: Alles ist relativ,
Jedem die seinige gut angepasste Wahrheit, –
Seh` ich die Welt durch das schwankende Objektiv
Und hoffe, verbohrt und naiv, auf Gedankenklarheit.

Auf dem alten Kanapee

Ich stehe im Oktober meines Lebens.
Ich liebe diese müde Jahreszeit.
Die Sommerträume waren nicht vergebens,
Vergnüglich trug ich mein geblümtes Kleid.
Jetzt brauche ich ein kuscheliges neues,
Verwachsen mit dem alten Kanapee,
Ich warte ohne Bitterkeit und Reue
Auf kalte Wintertage und den Schnee.

Maslow’sche Pyramide

In jedem Menschen steckt ein Paradies
und eine Hölle.
Zum Vorschein kommt mal jenes oder dies,
je nach der Rolle.
Mal sind wir geistig-fein und kreativ
und damit glücklich,
Doch lebt sich leichter affen-primitiv
und augenblicklich.
Herr Maslow hat das leider nicht erwähnt:
Der Geist macht müde.
So mancher hat`s erkannt und abgelehnt
Die Pyramide
Und blieb getrost im unteren Bereich
Seiner Gelüste,
Je dümmer, desto cooler und sogleich
auch selbstbewusster!

Das Wesen des Glückes

Lieber völlig unwissend
Als in dem falschen Wissen
Suchen, zweifeln und bangen.
Lieber Schmerz aus Verlangen
Als die nüchterne Leere.
Lieben, träumen, begehren,
Selbst- und harmlos, und ohne
Forderung auf Belohnung, –
Ist die einzige Fülle.
Geht ein Wunsch in Erfüllung,
Werden Schlösser zu Erde
Und die Liebenden werden
In der Wirklichkeitsmühle
Zu der Einsicht genötigt,
Ihren Traum zu ersticken.

Liegt das Wesen des Glückes
In der Ferne der Ziele?