Ein Missverständnis

Erzählung

Seitdem ich wusste, dass ich bald sterbe, verbesserte sich sukzessive die Qualität meines noch irdischen Daseins. In Schüben, mit Rückfällen, doch tendenziell zum Guten. Es sind so allgemein bekannte Weisheiten, wie «Genieße jeden Tag, als ob es dein letzter wäre» oder «Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst», aber die Umsetzung ist meistens schwieriger als die Erkenntnis. Also grübelte ich die erste Zeit und war depressiv. «Warum ich? Warum so früh? Warum habe ich keine Schmerzen?» Von Genießen und Akzeptieren konnte keine Rede sein. Das Arbeiten fiel mir schwer, meine sowieso schon angeknackste Beziehung mit Ulrike ging in die Brüche und sie wollte ausziehen, sobald sie eine Wohnung fand. Den Grund für meine seelische Verfassung wollte ich ihr nicht mitteilen, um sie davon aus Mitleid und Pflichtgefühl einem Kranken gegenüber nicht abzuhalten. Ulrike ist nämlich sehr pflichtbewusst und das machte unsere Beziehung immer sehr kompliziert. Sie war ständig unterwegs, erledigte Aufträge kaum bekannter Leute und war oft müde. Für spontane Sachen und guten Sex, wie am Anfang unserer Beziehung, blieb ihr einfach keine Zeit und Energie. Ihre Vorwürfe, dass ich sie nicht genug unterstütze, weckten mein bequem schlafendes Gewissen und ich fühlte mich in ihrer Nähe als Nichtsnutz und ein schlechter Mensch.

Als ich aus dem Krankenhaus zurückkam, fragte sie nur: «Und? Alles wieder in Ordnung?» Und ich, das Verlangen ein Bisschen zu jammern oder sogar laut loszuheulen mit Mühe unterdrückt, habe nur gesagt: «Alles im Lot. Ich werd’s überleben.»

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