Der Schutzengel

Uwe, mein Mann, ging fremd und das war gut so. Seit einiger Zeit versteckte er nicht mehr seine Augen vor mir, weil er glaubte, dass er damit Recht hat und ich es verdiene.
– Was ist aus dir geworden! – sagte er immer wieder und ich widersprach nicht.
Er tat mir schrecklich leid, denn das Leben zwischen zwei Wohnungen, mit zwei Frauen, zwei Kindern, drei Haustieren und wenig Geld war neu und ein purer Stress für ihn, und ich wusste, dass er es lange nicht aushält. Uwe ist Musiker, sehr sensibel, auf seine Art ehrlich und in praktischen Dingen sehr unbeholfen. Und das war schon immer meine größte Sorge.

Obwohl das Leben mit einem Musiker auch gewisse Vorzüge hatte. Es gab viele schöne und emotionale Momente in unserer Ehe, natürlich auch heftige Streits, umso schöner waren die Versöhnungen: mit mir gewidmeten Liedern und nächtelangen Diskussionen über unsere Gefühle, Träume und Zukunftspläne. Wir träumten von einem Häuschen am Strand inmitten der idyllischen Natur, wir wollten raus aus der Stadt – irgendwann, wenn Uwe den Durchbruch in der Musikszene geschafft hat und zu Geld kommt. Aber auch ohne das alles lebten wir sorglos und glücklich. Was zählte – waren wir und seine Musik. Danach kamen unsere Tiere: zwei fluchende Papageien – die Hinterbliebenen unseres verstorbenen Nachbars, eines ehemaligen Kapitäns, und ein Chiwawa Namens Cevapcici oder kurz Chips genannt, der uns die gleichnamigen Knuspereien vom Tisch klaute und sehr viel Respekt vor den zwei Papageien hatte. Doch als unsere Tochter Lena zur Welt kam – drehte sich alles nur um sie.

Über belanglose Dinge stritten wir nicht. Die Eifersucht legte ich ziemlich früh ab. Uwes Begeisterung für schöne Frauen reichte nur für kurze Zeit und war als Inspirationsquelle notwendig – das habe ich eingesehen und wollte in die Problematik gar nicht so tief einsteigen, weil ich auch wusste, dass uns mehr als das Bett verbindet. Die einzige Geliebte, auf die ich vielleicht eifersüchtig hätte sein sollen, war seine Violine, die er beim Musizieren mit der Wange berührte und mit den langen flinken Fingern zur Extase brachte, denn die Klänge, die sie von sich gab, glichen manchmal den Lauten einer vor Lust stöhnenden Frau. Unsere schönsten Liebesstunden hatten wir immer nach seinen gelungenen Auftritten, wenn er, aufgewühlt und euphorisch, spät in der Nacht nach Hause kam.

Aber einer von uns musste pragmatisch bleiben, und das war natürlich ich. Unser kleines Mädchen, die Folge der heißen Nächte, brauchte Pampers, Spielzeug, Meeresluft und noch viel, viel mehr. Also ging ich nach einem kurzen Mutterschafts-Urlaub wieder arbeiten, weil ich von uns beiden den sichersten Job hatte. Außerdem liebte ich meine Arbeit. Als Hebamme erlebt man immer wieder die Faszination Leben. Die Zeit zwischen den Früh-, Nacht- und Bereitschaftsdiensten gehörte den zwei Menschen, die auf mich zu Hause warteten und die ich am meisten liebte. Gegen nichts in der Welt würde ich diese Zeit austauschen wollen. Doch es kam anders.

Das letzte halbe Jahr war für uns alle schrecklich. Jetzt blieb ich den ganzen Tag zu Hause, wobei ich die meiste Zeit nur schlief. Uwes Versuche, mich zur Rede zu stellen, was denn mit mir los ist, endeten meistens in einem Streit und in seiner Flucht: zu den Freunden, zu den Proben, zu der anderen Frau. Eines Tages kam er nach Hause und fand unsere Tochter vor der Eingangstür kauernd. Sie kam aus der Schule und konnte nicht rein, weil ich geschlafen habe. Betrunken. Die Kleine musste dringend aufs Klo und machte sich in die Hose. Als ich das merkte, schrie ich sie an. Lena maulte zurück und bekam dafür von mir einen Klaps auf den Po. Nie von mir geschlagen worden, war sie mehr erstaunt als erschrocken. Sie blickte zu mir kurz auf und verschwand im Bad. In Uwes Gesicht las ich Ekel und Verachtung. Jetzt schrie er mich an. Das war der richtige Moment, um zu beichten, dass ich ihn nicht mehr liebe und dass es einen anderen Mann in meinem Leben gibt. Und dass ich nicht anders kann. Das Letztere war allerdings nicht gelogen. Sein schlechtes Gewissen ist in dieser Sekunde wahrscheinlich endgültig gestorben. Doch sein Gesicht verdunkelte sich und er sah klein und verloren aus. Abends als Lena schon schlief, kam er in mein Zimmer. Seine Augen waren gerötet.

– Das erklärt Einiges, – sagte er sarkastisch. – Was ist das für ein Kerl, wegen dem du dich jeden Tag volllaufen lässt und deine Tochter vernachlässigst!? Feiert ihr jede Nacht Orgien und tagsüber schläfst du aus? Warum gehst du nicht mehr arbeiten? Bezahlt er dich für deine Dienste?
– Du bist ungerecht, – versuchte ich zu widersprechen, aber er war zu wütend um zuzuhören.
– Wir werden uns trennen. Das hat ja alles keinen Sinn mehr.
– O doch! – dachte ich, ohne ihn anzuschauen, sagte aber: Du hast recht, aber lass mir noch ein bisschen Zeit.
– Und damit du bescheid weißt, Lena kommt mit mir! – drohte er mir an.
– O.k., aber noch nicht jetzt, nicht heute!
– Wieviel Zeit brauchst du noch, um aus unserem Leben zu verschwinden!? Eine Woche? Einen Monat? Bis dahin komme ich jeden Tag vorbei, und wenn du wieder trinkst…
– Kommt nicht wieder vor, – sagte ich reumütig und versuchte den Heulkrampf im Hals runterzuschlucken. Ich wusste, dass seine Wut ziemlich schnell ins Mitleid umschlagen könnte, und das passte in meine Pläne nicht.

Uwe zog aus. Ich freute mich, dass er versprochen hat uns jeden Tag zu besuchen, und beschloss nicht zu übertreiben und ihn nicht mehr, als notwendig zu reizen. Ein bisschen Zeit hatte ich ja noch, auch wenn sie langsam knapp wurde. Eine ganze Woche verging ohne Stress. Mir ging es wieder sehr schlecht. Ich lag fast immer im Bett und schaffte es gerade noch, die Tiere zu versorgen und für Lena ihre Lieblingsgerichte zu kochen. Zum Glück waren es Nudelgerichte in allen Variationen und die sind bekanntlich nicht so aufwendig.

Am letzten Tag meiner Familie saß ich abends vor dem Fenster, um Uwe nicht zu verpassen. Kurz bevor er den Schlüssel im Schloss umdrehte, spülte ich meinen Mund mit dem billigen Fussel aus – er roch am stärksten. In der Fensterscheibe spiegelte sich mein Gesicht – ich sah furchtbar aus, genau so wie eine runtergekommene Frau, die man gerne gehen lässt, auszusehen hat. Uwe entdeckte die Flasche im Spülbecken und flippte aus.
– Jetzt reicht es! Lena kommt heute mit mir mit! – fast schrie er mich an.
– Ja. Das ist besser, – gab ich ruhig zu und brachte den bereits eingepackten Koffer mit Lenas Sachen aus dem Kinderzimmer. Nur das Notwendigste. Wir beschlossen, dass Uwe und Lena, wenn ich weg bin, hier wieder einziehen. So muss Lena die Schule nicht wechseln, verliert nicht ihre Freunde und Uwe hat seine gewohnte Umgebung, sein Tonstudio und all seine Sachen wieder. Was das alltägliche Leben betrifft, war ich schon immer sehr praktisch veranlagt. Wie nebenbei erwähnte ich, dass ich bei meinem neuen Freund ins gemachte Nest einziehe. Uwe war sichtbar erleichtert, dass alles geregelt ist und die Monate des Streitens und des Lügens endlich vorbei sind. Als die Beiden rausgingen, durfte ich endlich zusammenbrechen.

Ein Jahr später:
Heute hat mein kleines Mädchen Geburtstag. Uwe gab sich echt Mühe und organisierte für sie ein kleines Fest. In solchen Sachen war er nie gut, deswegen zählt es umso mehr. Eingeladen sind Uwes Schwester und Lenas Tante in einer Person, drei Kinder aus der Nachbarschaft und Uwes beste Freunde aus der Jugendband. Die neue Lebensgefährtin und ihr dreijähriger Sohn sind selbstverständlich auch dabei, da sie ja hier wohnen. Ich erinnere mich an die junge sehr hübsche Frau – eine aus dem Orchester, nur ihr Name fällt mir nicht mehr ein. Alle sitzen am Tisch im gemütlichen von mir eingerichteten Zimmer. In der Mitte des Tisches steht eine aufgetaute Schwarzwälder-Kirschtorte, in kleinen Schälchen sind Chips und Erdnüsse verteilt, an jedem Platz liegt eine rote Serviette und steht ein Getränk: Weißbier für Erwachsene und Cola für die Kinder. Lena darf die acht Kerzen auf der Torte auspusten und bekommt das größte Stück davon. Sie hätte sich bestimmt die Milka-Torte gewünscht, aber sie bleibt höflich und sagt nichts. Stattdessen stopft sie sich die sahnigen Bissen in den Mund und spült sie mit Cola runter. Ich weiß, dass sie sich abends übergeben wird. Der Dreijährige pustet die ganze Zeit auf sein Stückchen Torte, obwohl darin keine Kerzen mehr stecken. Alle finden das niedlich und lachen. Er ist wirklich süß, mit seinen Sommersprossen auf der Nase und roten Löckchen um die Stirn.

– Du darfst jetzt die Geschenke auspacken, – sagt Uwe feierlich zu Lena und alle stürzen in das Kinderzimmer, das auf den ersten Blick noch immer wie vor einem Jahr aussieht. An der Wand in bunten Rahmen hängen große und kleine Fotos, die Lenas Lebensgeschichte dokumentieren. Dass mit den bunten Rahmen war damals eine gute Idee – sieht sehr fröhlich aus: Babyfotos, Kindergartenfest, Kindergeburtstag auf dem Bauernhof mit dreißig Kids, die als Piraten verkleidet sind, Einschulungsfotos, Lena im Movie-Park, Lena auf einem Pony im Streichelzoo, Lena mit Uwe, Urlaubsfotos. Einige Fotos fehlen – das sieht man an den hellen Flecken an der Wand, neue sind nicht dazugekommen. War ja auch mein Hobby gewesen, Fotos zu machen. Auf dem Schreibtisch liegen bunte Pakete. Lena packt aus: ein dunkelblaues Kleid und Schuhe.
– Probier‘ mal an, – fordert Uwe unsere Tochter auf, ohne zu merken, dass Lena sich geniert. Wie soll sie das machen, wenn alle zugucken!?
– Zier‘ dich nicht so! – gibt Uwe nicht nach und Lena gehorcht. Als sie sich im Spiegel sieht, versucht sie ihre Enttäuschung zu verbergen: die Schuhe sind zu groß, das Kleid zu lang und es hat auch nicht ihre Lieblingsfarbe pink und keine Spitze – kein Prinzessinnenkleid eben. Die anderen Geschenke sind schnell ausgepackt: ein Buch, bunte Stifte, ein Anspitzer mit Mickymaus-Kopf und ein Zeichenpapierblock – alles nützliche Dinge.
– Willst du dich für die Geschenke nicht bedanken? – versucht sich Uwe wieder als Erzieher. Lena will nur noch heulen. Die Situation rettet die Tante. Sie überreicht ihr ein Geschenk – eine Zauberkiste mit allerhand Schnickschnack zum Selbstbasteln und Nähen aus der Serie „Prinzessin Lilli-Fee“, auf die Lena momentan so steht. Endlich strahlt meine Tochter wieder.

Danach verläuft der Abend wie die üblichen Treffen der etwas gealterten Backstreet-Boys: viel Bier, viel Gerede über die Intrigen in der Musikszene und schlechte Bezahlung der Konzerte. Endlich wird die Pizza angeliefert – die Neue kann wohl nicht kochen. Die drei eingeladenen Jungs langweilen sich und wollen mit Lena nicht spielen. Aus irgendeinem Grund ist Lenas beste Freundin nicht dabei. Der kleine Rotkopf sitzt neben Lena auf dem Teppich und greift in die Zauberkiste zu der kleinen Plastikkommode der Prinzessin Lilli-Fee. Lena reißt sie ihm aus der Hand und das zarte Möbelstück fällt auseinander. Beide Kinder sind verärgert, streiten und schubsen sich. Der Kleine brüllt aus vollem Hals, weil Lena ihm die Zauberkiste wegnimmt. Die Lebensgefährtin meines Mannes kommt rein und herrscht Lena an: „Du solltest auf Freddy aufpassen und nicht ihn ärgern!“ Sie nimmt den Sohn auf den Arm und bringt ihn in das Schlafzimmer nach oben. Eine ganz normale Reaktion einer Mutter. Später bringt sie auch Lena ins Bett, die über Bauchschmerzen klagt. Die Schwarzwälder-Kirschtorte. Die fremde Frau streichelt den Bauch meiner Tochter.
Uwe, ziemlich angeheitert, kommt schwankend in Lenas Zimmer und gibt ihr einen Gutenachtkuss.
– Du stinkst, – sagt Lena zu Ihrem Vater und ich weiß, was sie meint: diese süßliche Mischung aus Graß, Bier und seinem Lieblingsdeo.
– Rede nicht so mit deinem Vater! – sagt Uwe gekränkt, nimmt ihr die Lilli-Fee aus der Hand und schaltet die Nachtlampe aus. – Ich hab dich lieb, meine Große.
– Ich dich auch, Papa.
Lena, Uwe und die Neue. Das Bild kommt mir etwas merkwürdig vor.

Später lausche ich noch eine Weile dem Flüstern der Eltern aus dem anderen Schlafzimmer.
– Sie wird mich niemals Mutter nennen. Ich gebe mir soviel Mühe. Hast du das gesehen, wie sie das neue Kleid in die Ecke geschmissen hat?
– Gib ihr noch ein bisschen Zeit. Sie hat im letzten Jahr so viel durchgemacht. Wenn wir heiraten, wird alles anders.
– Hoffentlich hast du Recht. Schlaf gut. Ich bin todmüde.
– Ich aber nicht.
Danach höre ich ein fast mädchenhaftes Gekicher und das Gequietsche unseres Bettes. Das Bett hat Uwe immer noch nicht repariert.

Ich kann zufrieden sein – meine Rechnung ist aufgegangen. Die Neue ist keine kurzfristige Affäre geworden und macht meinen, nein, ihren Uwe vielleicht glücklich. Lena bekommt eine neue Mutter und einen Bruder dazu. Die Eltern in der neuen Konstellation werden nie vergessen, was das Mädchen vor einem Jahr durchgemacht hat und werden hoffentlich sehr behutsam mit ihr umgehen. Sind ja schließlich beide Musiker, ein bisschen egozentrisch, aber auch sensibel genug, um Gefühle der Anderen wahrzunehmen. Und Lena wird mich nicht zu sehr vermissen, denn ich war böse und habe sie ungefragt verlassen. Ihr Leben wird ganz normal verlaufen, so normal wie es in einer Patchwork-Familie nur möglich ist.

Noch vierzig Tage kann ich in der Nähe bleiben, danach muss ich weg. Doch ich komme bald wieder. Nur in einer anderen Funktion. Ich habe für alles gesorgt. Die Sterbeurkunde und das Geld aus der Halbwaisenrente bekommt Lena zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Dafür sorgt mein Anwalt. Bis dahin werden die Beiden mich soweit vergessen haben, dass die Wahrheit keinen so großen Schock bei ihnen auslösen wird. Scheidungspapiere habe ich schon früher unterschrieben. Und da ich mich bereits als unverantwortliche Mutter zeigte, trank und nicht mehr arbeiten ging, wird Uwe mich auf Unterhaltsgeld nicht verklagen wollen und nach mir nicht suchen. Er wird dafür sorgen müssen, dass seine Familie über die Runden kommt – das wird sein Verantwortungsgefühl stärken und lässt ihn nicht seinen Schwächen nachgeben. Er gibt das Grasrauchen auf und nimmt jeden brauchbaren Job an.

Die Beiden werden nie erfahren, dass meine Diagnose zu spät kam, dass ich mir nicht erklären konnte, wie der Krebs in einem halben Jahr zwar äußerlich unbemerkt, aber doch schon so viel anrichten konnte, sodass eine Operation und eine Chemotherapie nichts gebracht hätten. Sie werden es nicht wissen, dass ich nur in den ersten zwei Wochen nach der Diagnose wirklich getrunken habe, um den Schock zu verkraften, und danach den Zustand nur vorgetäuscht habe, um den Gesprächen auszuweichen, bis ich eine Entscheidung getroffen habe, und um meine blasse Erscheinung und zunehmend schlechtes Aussehen irgendwie zu rechtfertigen. Die Krankenhausbesuche und all die schlimmen Sachen, die einen zum Schluss begleiten, habe ich ihnen auch erspart. Sie waren nicht stark genug, um das zu ertragen. Es gab andere, die mir geholfen haben.

Und irgendwann, spätestens wenn Lena meine Sterbeurkunde für eine amtliche Angelegenheit benötigen wird, wird sie mein Verschwinden mit dem Todestag in Verbindung bringen und alles verstehen. Sie wird sich auch an all die guten Momente, die wir zusammen erlebten, erinnern und begreifen, wie sehr ich sie geliebt habe. Die Fotowand wird ihr dabei helfen. Die bösen Erinnerungen wird sie mit der Zeit verdrängen. Und damit ihr nichts Schlimmes mehr widerfährt, werde ich auf sie aufpassen, weil ich jetzt ihr Schutzengel bin.

2014