Schlaflos

Ich wache mitten in der Nacht auf, weil es im Zimmer so hell ist. Der Vollmond beleuchtet das weiß bezogene breite Ehebett. Neben mir liegt ein fremder Mann, den ich schon seit zwanzig Jahren kenne. Ich weiß fast alles über ihn, weil er immer so mitteilungsbedürftig ist, aber trotzdem kommt er mir plötzlich so fremd wie ein Außerirdischer vor. Ich sehe mir seine zerzausten grauen Haare und im Schlaf entstellte Gesichtszüge an und denke: „Man, ist er alt geworden“. Damals, als wir heirateten, war der dreizehn Jahre Unterschied kein Thema für mich. Ich war zwanzig und er dreiunddreißig, beide jung, gesund und hübsch. Wir hatten eine turbulente romantische Beziehung bereits hinter uns und gewöhnten uns an den Alltag zu zweit, dann zu dritt, als unser Sohn zur Welt kam, und nach einiger Zeit gab es nichts mehr als diese Gewohnheit. Die Koseworte wie Schatz, Süßer, Kleines, ersetzten unsere Namen und verloren ihren ursprünglichen Wert. Das Zweimal-pro-Woche-Miteinanderschlafen, was übrigens weit über den statistischen Durchschnitt für deutsche Ehepaare liegt, wurde zum Ritual und diente uns beiden als ausreichender Liebesbeweis, sodass wir über unsere Gefühle nicht mehr sprachen und merkten auch nicht, wie sie verschwanden. Nicht alle natürlich, überwiegend die positiven. Für Affären und Seitensprünge ließ uns der Alltag keine Zeit, denn wir haben viel gearbeitet, um uns ein solides Haus, ausgefallene Urlaubsorte und auch andere Annehmlichkeiten gönnen zu können. Und da waren noch die Prinzipien. Ob es auch meine waren, kann ich gar nicht sagen. Aber mein Mann hatte eine ganze Menge davon. Sein Lieblingsspruch war: „Das macht man nicht!“. Warum man’s nicht macht, hätte er wahrscheinlich gar nicht erklären können. Es gibt so Menschen, die nur die Mitte eines jeden Gedanken denken können. Die Ursachen und die Folgen dessen interessieren sie nicht wirklich oder werden willkürlich der aktuellen Situation angepasst. Mein Mann gehört dazu.

Jetzt liegt dieser Mann neben mir im Bett, mit offenem Mund, mit erschlafften Gesichtsmuskeln, alt, unattraktiv, unappetitlich und schnarcht. Das Schnarchen nahm ich ihm immer schon übel. Eine Zeitlang schlief ich im Arbeitszimmer auf dem Sofa, aber der damals noch nicht so ganz Fremde meinte, dass getrennte Betten den Anfang vom Ende einer Ehe ankündigen, und bestand auf meiner Rückkehr in das gemeinsame Schlafzimmer. Die Ehe war gerettet, meine Nachtruhe für immer zerstört. Ich bin permanent müde und kann nicht mal am Wochenende den mir fehlenden Schlaf nachholen. Am Samstag putze ich den ganzen Tag und am Sonntag besuchen wir die Schwiegereltern. Vom Mittagsschläfchen kann ich nur träumen und zwar im Wachzustand.

Der Schlafende produziert gurgelnde Geräusche, sein Bauch konkurriert mit dem Rachen und ich denke, dass allein sein Reizdarmsyndrom ein wichtiger Grund für eine Scheidung wäre, hätte ich mich getraut, das vor dem Gericht auszusagen. Ich stelle mir das bildlich vor: ich vor dem Gericht mit einer Rede gegen das Reizdarmsyndrom, und muss lachen. Tagsüber spiele ich meistens die Verständnisvolle und Mitleidende, doch ehrlich gesagt, kann ich all die Krankheiten meines Mannes nicht mehr ernst nehmen.

Zum Glück habe ich einen Ganztagsjob. Aber die Wochenenden sind eine reine Geduldsprobe, sogar für so eine harte Nuss wie ich es bin. Der Morgen fängt meistens mit seinem lauten bellenden Husten an. Nachdem die Bronchen und die Zähne geputzt sind, zündet mein Schatz die erste Zigarette an und verlangt nach einem Kaffee – eine Todsünde für jeden chronischen Gastritis Patienten. Direkt danach fordert der übersäuerte Magen ein ausgiebiges Frühstück. Ich kenne keinen anderen Menschen in meiner Umgebung, der zu dieser Tageszeit so viel essen kann: die Suppe von gestern, belegte Brote, Frikadellen mit Senf und Nudelsalat als Beilage und zum Schluss noch etwas Süßes. Es dauert nicht lange und ich darf das Ergebnis dieser Fressorgien live miterleben, beziehungsweise mithören. Jedes nächtliche Blubberchen wird zur gegebenen Stunde zu einer Kanonade und kein Isolierstoff der Welt könnte das wortwörtlich kakofonische Konzert im kleinsten Zimmer unseres Hauses dämmen. Anschließend beginnt das Jammern, das Fenchelteezubereiten und –trinken, mit Wärmeflasche auf dem Sofa Rumliegen und über den Krebs Spekulieren. So ein Reizdarm ist auch wirklich keine schöne Sache. Er reagiert, wie schon der Name aussagt, gereizt auf alles was schmeckt und aufregt. Dazu zählen: gegrilltes Fleisch und fette Käsesorten, frische Früchte und Alkohol, Süßigkeiten, Torten und Sahnejoghurts, Nachbarn, Kollegen, der Chef persönlich und natürlich die eigene Familie, die ja immer präsent ist und nicht nur dann, wann man sie sich wünscht. Aber, Gott sei Dank, ist unser Sohn bereits ausgezogen. Seitdem geht es meinem Mann schon viel besser.

Richtung Mittag beruhigt sich das biestige heimtückische Syndrom, verstellt sich als ein harmloses gelegentliches Pupsen und wartet auf den nächsten Schub der ungesunden Nahrung, die mein Mann in großen Mengen einkauft und im Kühlschrank aufbewahrt. Angebote! Er liebt die Doppeltpackungen, erworben für einen halben Preis. Und da gibt es noch die Dreißig Prozent mehr zum selben Preis und die Zehnerpackungen und… und…das muss alles aufgegessen werden. Meine Versuche, seine Ernährung basisch, vegetarisch, trennkostmäßig umzustellen, scheiterten an seiner Fresssucht bereits mehrmals, die Zuhörerfunktion ist leider geblieben. „Wehr dich!“ – hetzt mich mein wachgerütteltes emanzipiertes Selbstbewusstsein gegen seine tägliche Selbstmitleid-Berichtserstattung auf, aber das „Kleine Mädchen“, pflichtbewusst und dominant erzogen, macht immer das, was von ihm erwartet wird: seine Lieblingsgerichte kochen, ihn pflegen, ihm zuhören. „Ich sollte alle psychologischen Bücher aus meinem Schrank entfernen und verbrennen“, – denke ich hellwach im Bett liegend. – „Hätte ich sie nicht gelesen, hätte ich wenigstens nicht gewusst, wie doof ich bin.“ – und fühle mich wie eine aufgeklärte Emanze auf einer Zeitreise in die konservative Vergangenheit, frustriert und gefangen gehalten in ihr. Where the fack is Alice Schwarze und was hat sie uns da vorgegaukelt!?“

Mit den Jahren gab es für meinen Mann immer mehr Gründe sich über das Unwohlbefinden zu beklagen: Zahnschmerzen, verursacht durch die immer wieder verschobenen Besuche zum Zahnarzt, genetisch veranlagter Haarausfall, Hautirritationen, Schuppenflechte, Bierbauch, Hämorriden und kaputte Gelenke sind nur einige davon. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie es war, ohne einen Koffer voll mit Medikamenten zu verreisen, nach einem Restaurantbesuch die Nacht ohne sein Gejammer durchzuschlafen, Sex zu haben, ohne dass mich sein Mundgeruch oder sein Gekrächze nicht stört oder ein Gespräch zu führen, das mich wirklich interessiert. Ich kenne alle seine Floskeln und Witze auswendig und, wenn Andere dabei sind, schmunzle ich nur aus Höflichkeit und um den Schein einer intakten Ehe zu bewahren. Unsere sich immer wechselnden Bekannten lachen herzlich und finden uns nett, meinen Mann witzig und wollen uns als Freunde haben. Doch die meisten verursachen bei meinem Mann einen neuen Schub der Darmkrankheit und werden aus den Handy-Kontakten entfernt. Die Ausreden, warum wir uns nicht mehr treffen können, darf natürlich ich mir ausdenken und den „Versagern“ mitteilen. Allein gehe ich nicht aus. „Das macht man nicht“, – so die ungeschriebene Weisheit meines Mannes, und bevor es Streit gibt, verzichte ich lieber auf die neuen Freunde.

Der Mann an meiner rechten Seite schläft unruhig und träumt bestimmt nichts Schönes, was kein Wunder ist mit so vollem Magen. Sein Mund ist halboffen und ich kann seine gelben Raucherzähne sehen. Der letzte Gedanke, bevor ich doch noch einschlafe, ist: „Er braucht eine neue Zahnbrücke. Ist ja eklig wie er mit den Vorderzähnen kaut, sodass die gekaute Masse fast aus dem Mund tropft. Morgen, eigentlich schon heute, muss ich seinen Zahnarzt anrufen und einen Termin machen.

2.

Ich wache mitten in der Nacht auf, weil die Blase voll ist. Ich hätte so spät abends kein Bier trinken dürfen. Jetzt werde ich drei Stunden im Bett wach liegen und nicht einschlafen können. Scheiße, warum muss sie auch immer rechthaben!? Meine Frau liegt links von mir wie tot – sie atmet geräuschlos und bewegt sich nicht. Sie schläft meistens auf dem Bauch, nur den Kopf etwas zur Seite gedreht. Morgens hat sie immer diese tiefe Falte auf der rechten Gesichtsseite. Es ist Vollmond und ich kann ihre Gesichtszüge gut sehen. Man, ist sie alt geworden. Wie die Zeit vergeht! Damals, als wir geheiratet haben, war sie noch ein Kind, fröhlich, romantisch, verspielt, und ich nannte sie „Kleines“, wie in dem Film. Wie hieß er bloß, „Acapulco“ oder so ähnlich? Klein ist sie immer noch, leider nicht mehr verspielt und romantisch, aber ich schlafe immer noch gerne mit ihr, auch wenn es nicht mehr so prickelnd ist wie früher. Aber mein Körper ist so konstruiert und verlangt danach zwei Mal in der Woche, sonst werde ich unruhig. Mein Kollege sagt, er kann mit keiner Frau über fünfunddreißig schlafen – es tut sich nichts bei ihm. Idiot. Hat keine Ahnung von Frauen. Erst ab fünfunddreißig kommen sie auf den Geschmack, wollen unbedingt ihren Orgasmus haben und machen aktiv mit. Das bisschen Hängebauch und Zellulitis stören mich nicht, Hauptsache ich komme auf meine Kosten und die Frau weiß, was und wie ich das mag. Meine Kleine tausche ich gegen keine andere Frau aus. Fremd gehen – ist nicht mein Ding. Sowas macht man nicht, allein wegen Krankheiten und so. Bei uns in der Firma gibt es zwar einige attraktive Dreißig-Vierzigjährige, aber die sind meistens eingebildet und sehen so einen mit Bäuchlein und wenig Haare gar nicht an, die Zicken. Die eine Nette würde ich vielleicht noch checken wollen, aber sie ist verheiratet, und die praktische Ausführung einer Affäre stelle ich mir sehr kompliziert vor. Wie und wo? Bestimmt fallen auch Kosten für das Hotel an. Dazu kommt noch die Problematik mit meinem Reizdarm. Es ist bestimmt anders als zu Hause, wenn du mit einer heimlichen Geliebten auf dem Hotelzimmer bist und plötzlich Dünnschiss kriegst. Die ganze Romantik ist dann im Arsch. Ich verkneife mir das Lachen bei diesem Wortspiel, um die Schlafende nicht zu wecken.

Wie witzig ich manchmal bin! Ich verstehe nicht, warum meine Frau ewig die Augen verdreht, wenn ich ein bisschen rumalbern möchte. Immer diese ernsthaften Gespräche. Dies und jenes hat sie gelesen! Die Geschichte der Weltreligionen studiert sie zurzeit! Wozu? Will sie mit Vierzig noch ihren Beruf wechseln? Oder den Weltfrieden stiften? Und dann dieser Gesundheitswahn, diese Diäten und das Kalorienzählen – das geht mir so auf den Sack. Ein paar Kilos auf den Rippen hätten ihr auch nicht geschadet. Mollige Frauen sehen im Alter viel frischer aus, und gegen einen runden Hintern hätte kein normaler Mann was auszusetzen. Ich bin viel älter als sie, sehe aber noch ganz attraktiv aus, trotz der überflüssigen Pfunde.

Hoffentlich gelingt es mir einzuschlafen, sonst kriege ich wieder Hunger. Ob es noch ein paar Frikadellen im Kühlschrank gibt? Bestimmt hat sie sie wieder im Gefrierfach versteckt. Wenn es nach ihr ginge, würde sie mich nur mit Salatblättern füttern. Ich bin doch keine Ziege! Samstag müssen wir wieder zu Real, um vernünftig einzukaufen. Die Mutter wusste noch wie man den Haushalt führt: es gab immer was Warmes zu essen und Kuchen dazu. Ich ruf sie mal morgen an, vielleicht kann sie Sonntag Rinderrouladen machen. Mmmm, lecker. Wie lange habe ich die nicht mehr gekostet? Meine Kleine kriegt es so nicht hin, butterweich und saftig.

Jetzt meldet sich mein Magen wirklich, mit der Lautstärke eines Huhnes, das ein Ei legt. Ich rutsche leise aus dem Bett und schleiche in die Küche. Zwei Frikadellen und den Nudelsalat, vom Mittagessen übrig geblieben, finde ich in einer Tupperschüssel auf dem Herd. Hat sie vergessen, sie in den Kühlschrank einzuräumen? Gut so. Kaltes Essen ist nicht gut für meinen Magen. Und bevor es schlecht wird, esse ich es lieber auf. Man, bin ich müde. Gut dass morgen Freitag ist. Den halben Tag im Büro halte ich durch und am Wochenende schlafe ich so richtig aus. Die Einladung dieser neugebackenen Freunde aus dem letzten Urlaub sollten wir vielleicht absagen. Der Typ war mir von Anfang an unsympathisch. Gibt mit seinen Bizeps an wie ein Achtzehnjähriger und macht plump und unverschämt meine Frau an! Seine spricht sowieso nur über ihre Kinder und ist auch noch hässlich. Was haben wir mit diesen Leuten gemeinsam? Bevor ich noch einmal einschlafe, überlege ich mir eine vernünftige Ausrede für den Samstagabend, um zu Hause bleiben zu können, aber es fällt mit nichts ein. Nicht schlimm. Mein Reizdarmsyndrom wird mich bestimmt nicht im Stich lassen und allein geht meine Frau nie aus. Macht man auch nicht, wenn der Mann krank ist.

3.

Einige Stunden später klingelt der unbestechliche Wecker. Zwei müde unausgeschlafene Menschen werden langsam wach und nehmen zuerst sich selbst, dann den Anderen wahr, stellen fest, dass sie leben, Ziele, Pflichten und Aufgaben haben und dass sie zusammengehören.

– Guten Morgen, Kleines, – sagt er wie jeden Morgen seit zwanzig Jahren mit belegter Raucherstimme zu ihr. – Hast du gut geschlafen?

– Morgen, Süßer, – antwortet sie im Halbschlaf und macht die Augen noch nicht auf. – Du hast die ganze Nacht geschnarcht, wie hätte ich gut schlafen können!?

– Stimmt gar nicht, was du da sagst, du kleiner Morgenmuffel. Ich bin um drei Uhr wach geworden und du hast geschlafen wie ein Baby. Gehst du zuerst ins Bad oder soll ich?

Die Frau wird sofort wach.

– Ich natürlich. Ich muss heute früher weg. Zum Frühstück kannst du den Salat von gestern und die Frikadellen essen. Steht alles nicht im Kühlschrank, sondern auf dem Herd, damit dein Magen es besser verträgt.

– Danke, Schatz. Und vergiss nicht, dass heute Freitag ist. Was wäre, wenn du heute Abend wieder mal das durchsichtige Schwarze trägst?

Die Frau schnitz gekonnt das Klein-Luderchen-Lächeln ins Gesicht, küsst den Mann auf die Stirn und rutscht aus dem Bett dem neuen Tag entgegen.

Eine kleine Nachtmusik

Leseprobe:

„….. Ihr war schon klar, dass ein Leben mit so einem Mann für sie nicht in Frage kommen würde. Wo ist sie – und wo er. Aber irgendwie fühlte sie sich seinem Leben zugehörig. Ob sie vielleicht auch das Gen dieser ausgestorbenen Rasse besaß? Wohl kaum. Das positive Ergebnis ihrer ersten Begegnung mit der großen Kunst war, dass zu ihren toten Freunden aus der Musikszene ein lebender dazu kam. Und das war schon ein großer Fortschritt: Die Wahrscheinlichkeit einer Beziehung mit jemanden, der noch lebt, war um einiges höher. Jetzt hatten ihre Träume feste Umrisse. Sie sah sich in der ersten Reihe in jedem seiner Konzerte. Sie stellte sich vor, dass er sie endlich mal unter den Zuhörern bemerkt, nach dem Konzert anspricht und in ein gemütliches Café einlädt. Später fand sie sich bei ihm zu Hause, im dunklen Zimmer auf dem Teppich mit geschlossenen Augen, wobei er an einem weißen Flügel sitzt und für sie Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, ihr allerliebstes Musikstück spielt. Sie hört die wehmütigen Klänge des Andantes, sie muss weinen, geht auf den Spielenden zu, lehnt sich an seinen Rücken und… Danach folgt eine der so oft gedachten Varianten der erotischen Szenen, die sie verlegen aus dem Kopf verdrängt, um schneller zu Ihrer Lieblingsepisode zu kommen: sie in Weiß und mit Blumen, er in einem schwarzen Frack und der Pfarrer, der sie traut, heimlich, ohne Zeugen und ohne Gäste. In der Kirche ist es halbdunkel. Leise Orgelmusik füllt den Raum. Sie ist glücklich. Sie nennt ihn laut und italienisch-expressiv – Vittorio… und der Klang ihrer eigenen Stimme bringt sie wieder zurück in das nach altem Bratfett stinkende Zimmer der Großtante, die sie mit Erstaunen ansieht. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Bohnensuppe. Sie ist schon kalt geworden und deswegen schwimmt auf der flüssigen Oberfläche, zwischen den angebratenen Zwiebeln, Grieben und Kartoffelwürfeln eine dicke Fettschicht. Melina muss sich übergeben.

Die Großtante war langsam besorgt: Das Mädel verschwindet immer wieder stundelang aus dem Haus, redet kaum noch mit ihr, träumt nur vor sich hin und jetzt das noch. O Gott! Sie hätte die Verantwortung auf sich nicht nehmen sollen. Hoffentlich ist die Göre nicht schwanger!

Aber die Sorgen der alten Frau waren unbegründet. Es gab nur ein Konzert des charismatischen Pianisten in dieser Stadt und durch das viele Träumen ist noch kein einziges Mädel in der Welt schwanger geworden. ….“

Vollständiger Text der Erzählung folge dem link: Eine kleine Nachtmusik

Ein Missverständnis

Erzählung

Seitdem ich wusste, dass ich bald sterbe, verbesserte sich sukzessive die Qualität meines noch irdischen Daseins. In Schüben, mit Rückfällen, doch tendenziell zum Guten. Es sind so allgemein bekannte Weisheiten, wie «Genieße jeden Tag, als ob es dein letzter wäre» oder «Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst», aber die Umsetzung ist meistens schwieriger als die Erkenntnis. Also grübelte ich die erste Zeit und war depressiv. «Warum ich? Warum so früh? Warum habe ich keine Schmerzen?» Von Genießen und Akzeptieren konnte keine Rede sein. Das Arbeiten fiel mir schwer, meine sowieso schon angeknackste Beziehung mit Ulrike ging in die Brüche und sie wollte ausziehen, sobald sie eine Wohnung fand. Den Grund für meine seelische Verfassung wollte ich ihr nicht mitteilen, um sie davon aus Mitleid und Pflichtgefühl einem Kranken gegenüber nicht abzuhalten. Ulrike ist nämlich sehr pflichtbewusst und das machte unsere Beziehung immer sehr kompliziert. Sie war ständig unterwegs, erledigte Aufträge kaum bekannter Leute und war oft müde. Für spontane Sachen und guten Sex, wie am Anfang unserer Beziehung, blieb ihr einfach keine Zeit und Energie. Ihre Vorwürfe, dass ich sie nicht genug unterstütze, weckten mein bequem schlafendes Gewissen und ich fühlte mich in ihrer Nähe als Nichtsnutz und ein schlechter Mensch.

Als ich aus dem Krankenhaus zurückkam, fragte sie nur: «Und? Alles wieder in Ordnung?» Und ich, das Verlangen ein Bisschen zu jammern oder sogar laut loszuheulen mit Mühe unterdrückt, habe nur gesagt: «Alles im Lot. Ich werd’s überleben.»

Fortsetzung: folge dem Link Das Missverständnis (1)

Der Schmetterling

(…) Meine kleine Schwester Elke, die inzwischen 35 Jahre alt, esoterisch orientiert und mit Bernd, dem schweigenden Lamm, glücklich verheiratet ist, gibt mir gut gemeinte Ratschläge. Ich sollte einen Tantra-Kurs bei der Volkshochschule belegen. Das würde meine sexuelle Energie befreien und andere Menschen, unter anderem auch Frauen, in den Fluss dieser ziehen. Nach sechs Monaten sexueller Enthaltsamkeit fange ich an, darüber ernsthaft nachzudenken. Für den Anfang leihe ich mir ein Büchlein zu diesem Thema bei Elke aus. Und erfahre daraus, dass es zwei verschiedene Tantra-Richtungen gibt: die linke und die rechte Fraktion, wie in der Politik, der ich als freiheitsliebender und ungern manipulierbarer Mensch misstraue und die ich als Mittel sehe, 47% Steuern aus meiner Single-Geldtasche zu ziehen. Außerdem lehne ich die Extreme grundsätzlich ab, lese aber weiter in der Hoffnung, doch noch was Nützliches für mich zu erfahren. Die linken Thantristen stellen sich den Geschlechtsverkehr nur vor, treiben es sozusagen in ihrer Phantasie. Sie benutzen Hilfsmittelchen, um ihr Bewusstsein zu erweitern und bestreben die Reinheit des Geistes und des Körpers in der Vereinigung mit dem Partner. Das Letztere erreichen sie mit Hilfe eines Einlaufs, was mich direkt zu dem weiteren Kapitel umleitet. Die Rechten machen es tatsächlich, was schon mal nicht so schlecht ist. Aber die Beschreibung des Vorgangs ist so kompliziert, philosophisch und verworren, dass ich nach einigen Seiten aufgebe. Ich bin ein Mann, also einfach gestickt, und habe mit komplizierten Sätzen wenig am Hut. Entweder stehe ich auf die Frau oder nicht, und fragt mich nicht warum! Wenn ich stundenlange meditieren und mich vorbereiten muss, um eine flachzulegen, nehme ich lieber gleich Viagrah. Aber das ist noch nicht nötig. Also schmeiße ich das Buch in die weiteste Ecke des Zimmers und blättere in einem Playboymagazin, um in Stimmung zu kommen. Die kosmische Energie hat mich für immer verloren.(…)

Um die Fortsetzung zu lesen, folge dem Link: Der Schmetterling

Der Schutzengel

Uwe, mein Mann, ging fremd und das war gut so. Seit einiger Zeit versteckte er nicht mehr seine Augen vor mir, weil er glaubte, dass er damit Recht hat und ich es verdiene.
– Was ist aus dir geworden! – sagte er immer wieder und ich widersprach nicht.
Er tat mir schrecklich leid, denn das Leben zwischen zwei Wohnungen, mit zwei Frauen, zwei Kindern, drei Haustieren und wenig Geld war neu und ein purer Stress für ihn, und ich wusste, dass er es lange nicht aushält. Uwe ist Musiker, sehr sensibel, auf seine Art ehrlich und in praktischen Dingen sehr unbeholfen. Und das war schon immer meine größte Sorge.

Obwohl das Leben mit einem Musiker auch gewisse Vorzüge hatte. Es gab viele schöne und emotionale Momente in unserer Ehe, natürlich auch heftige Streits, umso schöner waren die Versöhnungen: mit mir gewidmeten Liedern und nächtelangen Diskussionen über unsere Gefühle, Träume und Zukunftspläne. Wir träumten von einem Häuschen am Strand inmitten der idyllischen Natur, wir wollten raus aus der Stadt – irgendwann, wenn Uwe den Durchbruch in der Musikszene geschafft hat und zu Geld kommt. Aber auch ohne das alles lebten wir sorglos und glücklich. Was zählte – waren wir und seine Musik. Danach kamen unsere Tiere: zwei fluchende Papageien – die Hinterbliebenen unseres verstorbenen Nachbars, eines ehemaligen Kapitäns, und ein Chiwawa Namens Cevapcici oder kurz Chips genannt, der uns die gleichnamigen Knuspereien vom Tisch klaute und sehr viel Respekt vor den zwei Papageien hatte. Doch als unsere Tochter Lena zur Welt kam – drehte sich alles nur um sie.

Über belanglose Dinge stritten wir nicht. Die Eifersucht legte ich ziemlich früh ab. Uwes Begeisterung für schöne Frauen reichte nur für kurze Zeit und war als Inspirationsquelle notwendig – das habe ich eingesehen und wollte in die Problematik gar nicht so tief einsteigen, weil ich auch wusste, dass uns mehr als das Bett verbindet. Die einzige Geliebte, auf die ich vielleicht eifersüchtig hätte sein sollen, war seine Violine, die er beim Musizieren mit der Wange berührte und mit den langen flinken Fingern zur Extase brachte, denn die Klänge, die sie von sich gab, glichen manchmal den Lauten einer vor Lust stöhnenden Frau. Unsere schönsten Liebesstunden hatten wir immer nach seinen gelungenen Auftritten, wenn er, aufgewühlt und euphorisch, spät in der Nacht nach Hause kam.

Aber einer von uns musste pragmatisch bleiben, und das war natürlich ich. Unser kleines Mädchen, die Folge der heißen Nächte, brauchte Pampers, Spielzeug, Meeresluft und noch viel, viel mehr. Also ging ich nach einem kurzen Mutterschafts-Urlaub wieder arbeiten, weil ich von uns beiden den sichersten Job hatte. Außerdem liebte ich meine Arbeit. Als Hebamme erlebt man immer wieder die Faszination Leben. Die Zeit zwischen den Früh-, Nacht- und Bereitschaftsdiensten gehörte den zwei Menschen, die auf mich zu Hause warteten und die ich am meisten liebte. Gegen nichts in der Welt würde ich diese Zeit austauschen wollen. Doch es kam anders.

Das letzte halbe Jahr war für uns alle schrecklich. Jetzt blieb ich den ganzen Tag zu Hause, wobei ich die meiste Zeit nur schlief. Uwes Versuche, mich zur Rede zu stellen, was denn mit mir los ist, endeten meistens in einem Streit und in seiner Flucht: zu den Freunden, zu den Proben, zu der anderen Frau. Eines Tages kam er nach Hause und fand unsere Tochter vor der Eingangstür kauernd. Sie kam aus der Schule und konnte nicht rein, weil ich geschlafen habe. Betrunken. Die Kleine musste dringend aufs Klo und machte sich in die Hose. Als ich das merkte, schrie ich sie an. Lena maulte zurück und bekam dafür von mir einen Klaps auf den Po. Nie von mir geschlagen worden, war sie mehr erstaunt als erschrocken. Sie blickte zu mir kurz auf und verschwand im Bad. In Uwes Gesicht las ich Ekel und Verachtung. Jetzt schrie er mich an. Das war der richtige Moment, um zu beichten, dass ich ihn nicht mehr liebe und dass es einen anderen Mann in meinem Leben gibt. Und dass ich nicht anders kann. Das Letztere war allerdings nicht gelogen. Sein schlechtes Gewissen ist in dieser Sekunde wahrscheinlich endgültig gestorben. Doch sein Gesicht verdunkelte sich und er sah klein und verloren aus. Abends als Lena schon schlief, kam er in mein Zimmer. Seine Augen waren gerötet.

– Das erklärt Einiges, – sagte er sarkastisch. – Was ist das für ein Kerl, wegen dem du dich jeden Tag volllaufen lässt und deine Tochter vernachlässigst!? Feiert ihr jede Nacht Orgien und tagsüber schläfst du aus? Warum gehst du nicht mehr arbeiten? Bezahlt er dich für deine Dienste?
– Du bist ungerecht, – versuchte ich zu widersprechen, aber er war zu wütend um zuzuhören.
– Wir werden uns trennen. Das hat ja alles keinen Sinn mehr.
– O doch! – dachte ich, ohne ihn anzuschauen, sagte aber: Du hast recht, aber lass mir noch ein bisschen Zeit.
– Und damit du bescheid weißt, Lena kommt mit mir! – drohte er mir an.
– O.k., aber noch nicht jetzt, nicht heute!
– Wieviel Zeit brauchst du noch, um aus unserem Leben zu verschwinden!? Eine Woche? Einen Monat? Bis dahin komme ich jeden Tag vorbei, und wenn du wieder trinkst…
– Kommt nicht wieder vor, – sagte ich reumütig und versuchte den Heulkrampf im Hals runterzuschlucken. Ich wusste, dass seine Wut ziemlich schnell ins Mitleid umschlagen könnte, und das passte in meine Pläne nicht.

Uwe zog aus. Ich freute mich, dass er versprochen hat uns jeden Tag zu besuchen, und beschloss nicht zu übertreiben und ihn nicht mehr, als notwendig zu reizen. Ein bisschen Zeit hatte ich ja noch, auch wenn sie langsam knapp wurde. Eine ganze Woche verging ohne Stress. Mir ging es wieder sehr schlecht. Ich lag fast immer im Bett und schaffte es gerade noch, die Tiere zu versorgen und für Lena ihre Lieblingsgerichte zu kochen. Zum Glück waren es Nudelgerichte in allen Variationen und die sind bekanntlich nicht so aufwendig.

Am letzten Tag meiner Familie saß ich abends vor dem Fenster, um Uwe nicht zu verpassen. Kurz bevor er den Schlüssel im Schloss umdrehte, spülte ich meinen Mund mit dem billigen Fussel aus – er roch am stärksten. In der Fensterscheibe spiegelte sich mein Gesicht – ich sah furchtbar aus, genau so wie eine runtergekommene Frau, die man gerne gehen lässt, auszusehen hat. Uwe entdeckte die Flasche im Spülbecken und flippte aus.
– Jetzt reicht es! Lena kommt heute mit mir mit! – fast schrie er mich an.
– Ja. Das ist besser, – gab ich ruhig zu und brachte den bereits eingepackten Koffer mit Lenas Sachen aus dem Kinderzimmer. Nur das Notwendigste. Wir beschlossen, dass Uwe und Lena, wenn ich weg bin, hier wieder einziehen. So muss Lena die Schule nicht wechseln, verliert nicht ihre Freunde und Uwe hat seine gewohnte Umgebung, sein Tonstudio und all seine Sachen wieder. Was das alltägliche Leben betrifft, war ich schon immer sehr praktisch veranlagt. Wie nebenbei erwähnte ich, dass ich bei meinem neuen Freund ins gemachte Nest einziehe. Uwe war sichtbar erleichtert, dass alles geregelt ist und die Monate des Streitens und des Lügens endlich vorbei sind. Als die Beiden rausgingen, durfte ich endlich zusammenbrechen.

Ein Jahr später:
Heute hat mein kleines Mädchen Geburtstag. Uwe gab sich echt Mühe und organisierte für sie ein kleines Fest. In solchen Sachen war er nie gut, deswegen zählt es umso mehr. Eingeladen sind Uwes Schwester und Lenas Tante in einer Person, drei Kinder aus der Nachbarschaft und Uwes beste Freunde aus der Jugendband. Die neue Lebensgefährtin und ihr dreijähriger Sohn sind selbstverständlich auch dabei, da sie ja hier wohnen. Ich erinnere mich an die junge sehr hübsche Frau – eine aus dem Orchester, nur ihr Name fällt mir nicht mehr ein. Alle sitzen am Tisch im gemütlichen von mir eingerichteten Zimmer. In der Mitte des Tisches steht eine aufgetaute Schwarzwälder-Kirschtorte, in kleinen Schälchen sind Chips und Erdnüsse verteilt, an jedem Platz liegt eine rote Serviette und steht ein Getränk: Weißbier für Erwachsene und Cola für die Kinder. Lena darf die acht Kerzen auf der Torte auspusten und bekommt das größte Stück davon. Sie hätte sich bestimmt die Milka-Torte gewünscht, aber sie bleibt höflich und sagt nichts. Stattdessen stopft sie sich die sahnigen Bissen in den Mund und spült sie mit Cola runter. Ich weiß, dass sie sich abends übergeben wird. Der Dreijährige pustet die ganze Zeit auf sein Stückchen Torte, obwohl darin keine Kerzen mehr stecken. Alle finden das niedlich und lachen. Er ist wirklich süß, mit seinen Sommersprossen auf der Nase und roten Löckchen um die Stirn.

– Du darfst jetzt die Geschenke auspacken, – sagt Uwe feierlich zu Lena und alle stürzen in das Kinderzimmer, das auf den ersten Blick noch immer wie vor einem Jahr aussieht. An der Wand in bunten Rahmen hängen große und kleine Fotos, die Lenas Lebensgeschichte dokumentieren. Dass mit den bunten Rahmen war damals eine gute Idee – sieht sehr fröhlich aus: Babyfotos, Kindergartenfest, Kindergeburtstag auf dem Bauernhof mit dreißig Kids, die als Piraten verkleidet sind, Einschulungsfotos, Lena im Movie-Park, Lena auf einem Pony im Streichelzoo, Lena mit Uwe, Urlaubsfotos. Einige Fotos fehlen – das sieht man an den hellen Flecken an der Wand, neue sind nicht dazugekommen. War ja auch mein Hobby gewesen, Fotos zu machen. Auf dem Schreibtisch liegen bunte Pakete. Lena packt aus: ein dunkelblaues Kleid und Schuhe.
– Probier‘ mal an, – fordert Uwe unsere Tochter auf, ohne zu merken, dass Lena sich geniert. Wie soll sie das machen, wenn alle zugucken!?
– Zier‘ dich nicht so! – gibt Uwe nicht nach und Lena gehorcht. Als sie sich im Spiegel sieht, versucht sie ihre Enttäuschung zu verbergen: die Schuhe sind zu groß, das Kleid zu lang und es hat auch nicht ihre Lieblingsfarbe pink und keine Spitze – kein Prinzessinnenkleid eben. Die anderen Geschenke sind schnell ausgepackt: ein Buch, bunte Stifte, ein Anspitzer mit Mickymaus-Kopf und ein Zeichenpapierblock – alles nützliche Dinge.
– Willst du dich für die Geschenke nicht bedanken? – versucht sich Uwe wieder als Erzieher. Lena will nur noch heulen. Die Situation rettet die Tante. Sie überreicht ihr ein Geschenk – eine Zauberkiste mit allerhand Schnickschnack zum Selbstbasteln und Nähen aus der Serie „Prinzessin Lilli-Fee“, auf die Lena momentan so steht. Endlich strahlt meine Tochter wieder.

Danach verläuft der Abend wie die üblichen Treffen der etwas gealterten Backstreet-Boys: viel Bier, viel Gerede über die Intrigen in der Musikszene und schlechte Bezahlung der Konzerte. Endlich wird die Pizza angeliefert – die Neue kann wohl nicht kochen. Die drei eingeladenen Jungs langweilen sich und wollen mit Lena nicht spielen. Aus irgendeinem Grund ist Lenas beste Freundin nicht dabei. Der kleine Rotkopf sitzt neben Lena auf dem Teppich und greift in die Zauberkiste zu der kleinen Plastikkommode der Prinzessin Lilli-Fee. Lena reißt sie ihm aus der Hand und das zarte Möbelstück fällt auseinander. Beide Kinder sind verärgert, streiten und schubsen sich. Der Kleine brüllt aus vollem Hals, weil Lena ihm die Zauberkiste wegnimmt. Die Lebensgefährtin meines Mannes kommt rein und herrscht Lena an: „Du solltest auf Freddy aufpassen und nicht ihn ärgern!“ Sie nimmt den Sohn auf den Arm und bringt ihn in das Schlafzimmer nach oben. Eine ganz normale Reaktion einer Mutter. Später bringt sie auch Lena ins Bett, die über Bauchschmerzen klagt. Die Schwarzwälder-Kirschtorte. Die fremde Frau streichelt den Bauch meiner Tochter.
Uwe, ziemlich angeheitert, kommt schwankend in Lenas Zimmer und gibt ihr einen Gutenachtkuss.
– Du stinkst, – sagt Lena zu Ihrem Vater und ich weiß, was sie meint: diese süßliche Mischung aus Graß, Bier und seinem Lieblingsdeo.
– Rede nicht so mit deinem Vater! – sagt Uwe gekränkt, nimmt ihr die Lilli-Fee aus der Hand und schaltet die Nachtlampe aus. – Ich hab dich lieb, meine Große.
– Ich dich auch, Papa.
Lena, Uwe und die Neue. Das Bild kommt mir etwas merkwürdig vor.

Später lausche ich noch eine Weile dem Flüstern der Eltern aus dem anderen Schlafzimmer.
– Sie wird mich niemals Mutter nennen. Ich gebe mir soviel Mühe. Hast du das gesehen, wie sie das neue Kleid in die Ecke geschmissen hat?
– Gib ihr noch ein bisschen Zeit. Sie hat im letzten Jahr so viel durchgemacht. Wenn wir heiraten, wird alles anders.
– Hoffentlich hast du Recht. Schlaf gut. Ich bin todmüde.
– Ich aber nicht.
Danach höre ich ein fast mädchenhaftes Gekicher und das Gequietsche unseres Bettes. Das Bett hat Uwe immer noch nicht repariert.

Ich kann zufrieden sein – meine Rechnung ist aufgegangen. Die Neue ist keine kurzfristige Affäre geworden und macht meinen, nein, ihren Uwe vielleicht glücklich. Lena bekommt eine neue Mutter und einen Bruder dazu. Die Eltern in der neuen Konstellation werden nie vergessen, was das Mädchen vor einem Jahr durchgemacht hat und werden hoffentlich sehr behutsam mit ihr umgehen. Sind ja schließlich beide Musiker, ein bisschen egozentrisch, aber auch sensibel genug, um Gefühle der Anderen wahrzunehmen. Und Lena wird mich nicht zu sehr vermissen, denn ich war böse und habe sie ungefragt verlassen. Ihr Leben wird ganz normal verlaufen, so normal wie es in einer Patchwork-Familie nur möglich ist.

Noch vierzig Tage kann ich in der Nähe bleiben, danach muss ich weg. Doch ich komme bald wieder. Nur in einer anderen Funktion. Ich habe für alles gesorgt. Die Sterbeurkunde und das Geld aus der Halbwaisenrente bekommt Lena zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Dafür sorgt mein Anwalt. Bis dahin werden die Beiden mich soweit vergessen haben, dass die Wahrheit keinen so großen Schock bei ihnen auslösen wird. Scheidungspapiere habe ich schon früher unterschrieben. Und da ich mich bereits als unverantwortliche Mutter zeigte, trank und nicht mehr arbeiten ging, wird Uwe mich auf Unterhaltsgeld nicht verklagen wollen und nach mir nicht suchen. Er wird dafür sorgen müssen, dass seine Familie über die Runden kommt – das wird sein Verantwortungsgefühl stärken und lässt ihn nicht seinen Schwächen nachgeben. Er gibt das Grasrauchen auf und nimmt jeden brauchbaren Job an.

Die Beiden werden nie erfahren, dass meine Diagnose zu spät kam, dass ich mir nicht erklären konnte, wie der Krebs in einem halben Jahr zwar äußerlich unbemerkt, aber doch schon so viel anrichten konnte, sodass eine Operation und eine Chemotherapie nichts gebracht hätten. Sie werden es nicht wissen, dass ich nur in den ersten zwei Wochen nach der Diagnose wirklich getrunken habe, um den Schock zu verkraften, und danach den Zustand nur vorgetäuscht habe, um den Gesprächen auszuweichen, bis ich eine Entscheidung getroffen habe, und um meine blasse Erscheinung und zunehmend schlechtes Aussehen irgendwie zu rechtfertigen. Die Krankenhausbesuche und all die schlimmen Sachen, die einen zum Schluss begleiten, habe ich ihnen auch erspart. Sie waren nicht stark genug, um das zu ertragen. Es gab andere, die mir geholfen haben.

Und irgendwann, spätestens wenn Lena meine Sterbeurkunde für eine amtliche Angelegenheit benötigen wird, wird sie mein Verschwinden mit dem Todestag in Verbindung bringen und alles verstehen. Sie wird sich auch an all die guten Momente, die wir zusammen erlebten, erinnern und begreifen, wie sehr ich sie geliebt habe. Die Fotowand wird ihr dabei helfen. Die bösen Erinnerungen wird sie mit der Zeit verdrängen. Und damit ihr nichts Schlimmes mehr widerfährt, werde ich auf sie aufpassen, weil ich jetzt ihr Schutzengel bin.

2014

Chromonoschka

Chromonoschka2Auf einer exotischen Insel, im schäumenden, oft wütenden, aber auch ziemlich gleichgültigen Ozean lebte ein kleiner grauer Vogel. Er hausierte in der Nähe vom Strand und führte meist ein sorgloses Leben, da es immer was zu essen gab, bis er vor lauter Langeweile nicht anfing zu grübeln. Es ist nämlich so – ein hungriger Magen handelt und ein satter grübelt: „Wer bin ich? Woher komme ich? Warum bin ich allein? Und wozu führt das Ganze?“ – das Übliche eben, aber in der Vogelsprache.

Die erste Frage ließ sich noch relativ leicht beantworten. Der Vogel lauschte den Gesprächen der Zweibeiner am Strand und verstand schon einzelne Wörter, die sich oft wiederholten. Einige von den kleinwüchsigen und besonders wilden Zweibeinern riefen bei seinem Anblick „La Paloma!“, die anderen „Eine Taube!“ und manchmal nannte man ihn „Chromonoschka “. Die dritte Bezeichnung gefiel ihm am besten, und er nannte sich demnächst immer so, wenn er über sich selbst nachdachte oder Selbstgespräche führte. „Na, Chromonoschka, hast du schon wieder Hunger?“ oder: „Toll, jetzt hast du dich überfressen, du Nimmersatt-Chromonoschka. Bald siehst du aus, wie der dicke weiße Fisch im Loro-Park, wirst eingefangen und wie die bunten Vögel hinter der Parkmauer im Käfig gehalten,  und zum guten Schluss lässt du dich für Geld von den aufdringlichen Zweibeinigen mit roten schuppigen Schultern und Nasen fotografieren.“

Die Bekanntschaft der ewig plappernden Papageien und des weißen Wales machte der Vogel vor kurzem, als er durch das Schlupfloch in der Mauer in den Loro-Park gelang, und zwar zu Fuß, denn Chromonoschka konnte nicht fliegen. Zumindest hatte sie (denn es war ein Weibchen) es noch nie versucht. So eine merkwürdige Geschichte: eine Taube, die nicht fliegen kann! Man hat es ihr im Kükenalter nicht beigebracht.

Sie konnte sich noch erinnern, wie sie in einem runden klebrigen Nest, das aus trockenem Graß und Kiefernadeln geflochten war und hoch auf einer Palme hing, mit zwei anderen Geschwistern still saß und wartete. Dieses Warten war so mühsam, aber sie wusste, dass sie sich nicht bewegen darf, sonst passiert etwas Schlimmes. Und dann kam die Belohnung: ein großer Vogel, der am Rande des Nestes landete, öffnete seinen Schnabel so weit auf, dass die beiden Geschwister ihre Köpfe in den Hals der Mutter hereinsteckten konnten. Dass es die Mutter war, ist natürlich klar. Wer sonst würde es zulassen, dass zwei hungrige Mäuler ihr das Futter, das sie den ganzen Tag mühsam aufgesammelt hat, fast direkt aus dem Magen wegfressen. Und wie gierig! Chromonoschka war schwächer als ihre Brutgenossen und wurde weggedrängt. Sie hatte auch Hunger, aber der Platz in der Gurgel reichte nur für die zwei Rabauken, die die hochgewürgte übelriechende Masse mit einer bemerkenswerten Schnelligkeit schluckten. Danach war die Mutter auch schon wieder weg und das Zittern und Bangen fing von vorne an.

Damals wusste Chromonoschka noch nicht, dass in der Vogelwelt jeder sich selbst der Nächste ist, aber sie fühlte schon eine unendliche Traurigkeit und Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit unter den Flügeln ihrer Mutter. Diese war leider den ganzen Tag mit der Futtersuche beschäftigt und hatte keine Zeit, die Kleine in den Arm zu nehmen, außer nur das eine Mal, als sie noch hässlich, klebrig und unbeholfen war. Merkwürdiger weise hat es der Mutter überhaupt nichts ausgemacht, dass Chromonoschka jedes Mal nach der Fütterung hungrig blieb und deswegen immer schwächer wurde. Eines Tages, als die Geschwister zu stürmisch schupsten und rauften, fiel sie aus dem Nest, und zwar so unglücklich, dass sie sich dabei das Beinchen brach. Was soll’s, sie blieb am Leben, dank den Zweibeinigen, die ewig etwas Essbares auf den Boden schmießen. In der ersten Woche nach dem Fall ernährte sie sich von im Regen aufgeweichtem Brot und versteckte sich im dichten Gebüsch unter der Palme. Von oben hörte sie das Gurgeln der Mutter und das Streitgeschrei der Geschwister. Mit der Zeit wurde ihre Sehnsucht nach dem Nest immer schwächer, doch die Höhenangst blieb. So eine Palme ist ja ganz schön hoch und der freie Flug für jemanden, der noch nicht fliegen kann, ganz schön heftig. Chromonoschka wollte es nie wieder erleben und blieb lieber auf dem Boden. Als die Nahrung, die übrigens viel besser roch als das Erbrochene der Mutter, zu Ende war, traute sich Chromonoschka ein paar Schritte zu laufen. Es klappte, wenn auch mit Mühe und Schmerz, aber wer sowas Ähnliches schon erlebt hat, weiß, dass durch solche Erfahrungen die weisesten Vögel und Klugscheißer im guten Sinne des Wortes heranwachsen.

Nun wohnte La Paloma, die Taube, namens Chromonoschka in der Nähe vom Strand, wie bereits erwähnt, und humpelte zwischen den Zweibeinern, die ewig mampften und Krümel im Sand hinterließen, herum. Nachts, bei Regen oder bei knallender Sonne versteckte sie sich in einer Höhle des riesigen Vulkansteines. Tagsüber hatte sie immer was zu beobachten – der Strand war fast nie leer. Gefahren gab es keine. Die eingebildeten Möwen, die mit schrillenden Schreien über dem Ozean jagten und beschäftigt taten, waren zwar lästig, aber harmlos; die ängstlichen Kaninchen und Katzen trauten sich nicht zum Strand, weil sie eine panische Angst vor dem Wasser hatten; und die angeleinten Hunde wollten meistens nur spielen, hörten auf ihre Herrchen und liefen ihnen früher oder später hinterher. Außerdem waren alle satt, also friedlich.

Das Leben auf der Insel war von den Zweibeinern gut organisiert, geregelt und eigentlich schön! Wäre da nicht das unaufhörliche Grübeln, die Wehmut, die Sehnsucht nach … Wonach, wusste sie selber nicht so genau und genau deswegen grübelte sie. Wenn man für das nackte Überleben nicht kämpfen muss, hat man Zeit zum Nachdenken. „Was fehlt mir?“ – fragte sich die kleine Chromonoschka und fand darauf keine Antwort, bis sie eines Tages merkte, wie einsam sie war. Nein, es gab genügend Kontakte mit allerhand kriechendem und laufendem Volk, aber das waren nicht ihresgleichen: zu selbstbezogen, zu beschäftigt, zu eingebildet. Ab und zu machte sie die Bekanntschaft der anderen Vögel und fühlte sich zu ihnen hingezogen, suchte ein Gespräch, gurrte freundlich etwas Belangloses, nur um zu wissen, ob sie das auch kann, um zu prüfen, ob sie zu ihnen gehörte und in dieser Zugehörigkeit einen Sinn und den inneren Frieden finden würde. Aber das war alles nicht das Wahre. Man scheuchte sie weg, man gab mit dem Besitz, den man zufällig am Strand ergatterte, an, man demonstrierte Macht und Kraft und flog weg. Und sie konnte nicht fliegen und fühlte sich schwach, wenn sie so humpelnd, unscheinbar und klein über den schwarzen heißen Sand den Strand entlang lief. Der Strand, wie das richtige Leben, war mit großen und kleinen Steinen besät. Sie konnte sie zwar nicht aus dem Weg räumen, zog aber ihren Nutzen aus der Tatsache, dass es sie gab, denn unter jedem Stein gab es immer einen Fund: ein Würmchen, eine Kitsche, einen Kern. Chromonoschka kam auch allein klar, und sie war stolz und brauchte ihre Freundschaft keinem aufzuzwingen, beneidete keinen und musste auch keine Macht ausüben – wie auch? Es hätte sowieso nicht funktioniert. Es gab keinen in ihrem Leben, der ihr die sich windende Würmchen bringen würde, nur weil sie ein Weibchen ist und schwächer als die anderen. Vor allem war man hier auf der Insel auf die Würmchen nicht angewiesen. Also von Macht, Gier und Neid – diesen drei Ursünden – war sie nicht betroffen. Oder vielleicht doch? Wenn sich die Chance ergeben würde? Manchmal war sie zum Beispiel sehr verfressen. Den frechen kleinen Spatzen hat sie öfter gezeigt, dass sie lästig sind, und die Aufdringlichen verjagt. Und war sie nicht doch noch auf die selbstbewusste dicke Taube ein Bisschen neidisch, die die Männlein mit ihrem peinlichen Gesang und aufgepusteten Gefieder anlockte und dann ein paar merkwürdige Tänzchen aufführte? Ehrlich gesagt, sie hätte es auch gerne getan: so auf einem Zweig unter der schattigen Krone einer Feuerakazie mit einem großen starken Vogel kuscheln und turteln. In der Nähe – der Ozean, das Rauschen der Wellen, das Zischen des ablaufenden Sandes, am Horizont – das Schimmern des Sonnenaufgangs oder -untergangs – egal! Hauptsache schön farbig, warm und gemütlich. Die Zweisamkeit! Wer träumt in jungen Jahren nicht davon?! Bei solchen Gedanken wurde sie richtig romantisch und sentimental. Aber nicht lange. Als gute Beobachterin merkte Chromonoschka mit der Zeit, dass die merkwürdigen Tänzchen und die in der Vogelwelt (und nicht nur!) heißbegehrte Zweisamkeit für die Weibchen böse enden. Diese werden immer dicker und spießiger, legten dann Eier, die sie lange ausbrüteten, und das alleine, um später noch wochenlang die hungrigen Mäuler der Geschlupften zu stopfen. Kein Wunder, dass man frustriert, enttäuscht und gefühllos aus der Zweisamkeit aufwachte. Chromonoschka begriff das jetzt und hatte ihrer Mutter verziehen, dass sie ihr keine Liebe schenken konnte. Die Insel war klein und die Spatzenpost schnell, und so wusste sie, dass ihre Mutter, ein flatterndes Wesen, ihrem Instinkt folgend, ein neues Turteltäubchen fand, mit dem sie sich ein neues Nest baute; dass die Geschwister auch schon flügge waren, ganz zu schweigen von dem Vater, den seine eigenen Kinder nach dem Schlüpfen nie wieder sahen oder genauer gesagt rochen, denn zur Zeit des Schlüpfens waren sie ja blind. Wenn man das alles bedachte, hatte Chromonoschka keine Familie mehr.
„So ist der Lauf der Dinge“, – dachte Chromonoschka und geriet in Selbstzweifel. – „Warum kann ich nicht genau so meinen Instinkten folgen? Warum werde ich überall verscheucht? Warum liebt mich keiner? Was ist anders an mir?“ Und als sie das laut ausgesprochen hat, wurde ihr plötzlich ganz klar – sie will genau so sein, wie alle anderen, auf einem Zweig mit einem kurzfristigen Partner schaukeln und gurren, den Hochzeittanz aufführen, ein Nest bauen, die Küken ausbrüten und danach … Was dann passieren würde, wusste Chromonoschka nicht und das erfüllte sie mit Unruhe. „Ach, komme es was es wolle! Es soll nur endlich was passieren!“

Anders sein und dabei noch ein Weibchen – ist nie von Vorteil, zuviel Denken und Grübeln – fast schon eine Katastrophe. Gehorche den Gesetzen der Natur, höre auf deine Instinkte und stelle nichts in Frage, dann bist du besser aufgehoben – könnte ich der kleinen Taube raten, wenn sie mich verstehen würde. Meine ewig grübelnde und trotzdem noch sehr naive Chromonoschka blieb auch ohne meinen Rat nichts anderes übrig. Das Leben ging weiter, wie vom lieben Gott bestimmt: die Schwächeren wurden ausgesondert, die Kranken nicht auserwählt und überlebten nur aus Gnade der Zweibeiner. Es vergingen Monate: kein Turteltäubchen in Sicht, kein Nest, kein Nachwuchs, kein Sinn.

Doch eines Tages passierte im Leben der kleinen Chromonoschka tatsächlich etwas Besonderes. Und das ist jetzt nicht an den Haaren herangezogen, um mit dieser Geschichte voranzukommen. Wenn man lange genug wartet, passiert früher oder später irgendwas – Gutes oder Böses, Neues oder Altes. Das Letztere ist meistens das Selbe, weil wir vergesslich sind und immer wieder die gleichen Fehler machen. Doch wenn man wachsam ist, kann man daraus lernen oder auch eine nette Geschichte darüber schreiben. Und hier ist diese Geschichte.

Chromonoschka watschelte müde über den halbleeren Strand um die bunten Handtücher auf der Suche nach Krümeln (aus der Mülltonne hat sie übrigens nie gegessen!). Es dämmerte, und sie steuerte direkt auf ihre Nachtstätte zu – ein hohler Raum im schwarzen Gestein, weit genug vom Wasser, falls es stärker als sonst fluten sollte. Sie freute sich auf die Nachtruhe und die Möglichkeit, dem plötzlich aufgetauchten Wind zu entkommen, als sie in ihrer Höhle einen fremden Vogel entdeckte. Höflich wie sie war, bat sie den Fremdling ihr Zuhause zu verlassen, worauf er ihr Zeichen machte, still zu sein und ihn nicht zu verraten. „Na gut“, – dachte Chromonoschka, die gewöhnt war nachzugeben. – „Steine gibt es hier genug. Bis zum Sonnenuntergang werde ich eine Bleibe noch finden oder der Typ verschwindet von alleine.“ Aber der Typ verschwand nicht. Ganz im Gegenteil – er machte es sich bequem und meinte ganz locker, dass es in der Höhle genug Platz für sie beide gibt. Chromonoschka humpelte schüchtern rein und ahnte schon – es passiert gerade etwas Eigenartiges in ihrem Leben: man hat sie nicht verscheucht, sondern aufgefordert in der Nähe zu bleiben. Und das war noch nicht alles! Der Eindringling wollte reden!

Der komische Vogel (nennen wir ihn einfach Pedro, weil mir kein anderer spanischer Name im Moment einfällt) war ein wunderschöner weißer Tauberich, der, was Chromonoschka wenige Minuten später erfuhr, aus dem Loro-Park abgehauen ist. Er war ein Artist, kannte viele anderen schrägen Vögel und hatte so einiges zu erzählen, was er auch tat, nicht ohne sich selbst mit Vergnügen zuzuhören. Aber auch in seinem Leben gab es die Monotonie des Alltags und die besagte Langeweile aus Übersättigung und Überfluss. Irgendwie ist es immer das Selbe, egal, zu welcher Art und Schicht man gehört. Irgendwann wird das Heißbegehrte und endlich Erreichte zur Selbstverständlichkeit und reizt einen nicht mehr. Und so flog Pedro durch ein Loch im Netz ins Freie – und das während der Vorstellung! – statt seine Künste vorzuführen: im Kreise zu fliegen, auf der Schulter des Dompteurs zu landen, die Leiter hoch und runter zu laufen und Rad zu fahren. „Ganz bestimmt sucht man mich schon überall, denn ohne mich bricht die Show zusammen“, – wie nebenbei bemerkte der kleine Macho und schlief erschöpft ein.

Nicht aber die kleine graue Taube. Sie wollte, dass die Nacht nie endet, wollte nur da sitzen und die Wärme seines Körpers spüren, seinem schnellen Atem und den gurrenden Geräuschen zuhören und nicht denken, einfach sein! O, weh! Meine kleine Taube hat sich verliebt. Ihre Instinkte wachten auf und weckten neue Hoffnungen, auch wenn die Lebenserfahrung sich gnadenlos in ihre Gedanken (sie konnte es nicht lassen!) einmischte und zickte: „Das alles ist nur eine Illusion! Das wird kein gutes Ende haben! Er ist ein Macho und ein eingebildeter Spinner.“ Die andere, verliebte Seite ihres Wesens antwortete trotzig: „Egal. Wenigstes eine Nacht wunschlos glücklich.“ Und hatte unrecht. Denn wirklich glücklich ist nicht der, der keine Wünsche hat, sondern der glaubt, welche haben zu müssen und handelt. Und wenn die Handlungen einen Sinn ergeben, ist man doppelt so glücklich. Insofern ist Glück nur ein Ersatzwort für die Zweckmäßigkeit. Aber das passt wohl gar nicht in eine romantische Geschichte über zwei verliebte Turteltäubchen und deswegen lasse ich das jetzt. Was da zwischen den Beiden in dieser Nacht passierte, lasse ich wegen der Diskretion ebenfalls weg. Ist ja auch schließlich ein Märchen und sollte, stilistisch gesehen, als solches fortgeschrieben werden.

Am nächsten Morgen, als die Täubchen noch schliefen, entdeckte man sie eng aneinander gekuschelt und fing mit einem Netz ein. „Ach, du bist wohl auf Weibchenjagt geflogen!“ – sagte eine ironische Stimme. „Na, besonders hübsch ist ja deine Auserwählte nicht! Wir nehmen sie trotzdem mit. Vielleicht hat sie innere Werte“, – das war der Dompteur, der schon ziemlich alt war und wusste, dass Schönheit vergänglich ist und dass Talent mehr zählt als das oberflächliche Getue der Gefiederten aller Art. „Ein kaputtes Bein hast du auch noch! Du Arme!“ – stellte er fest, als er die kleine graue Taube aus dem Netz herausnahm. „Mal sehen, vielleicht mache ich mit dir eine schöne Nummer über die wahre Liebe!“

Und so wurde Chromonoschka eine Schauspielerin im kleinen Vogelzirkus auf Teneriffa. Natürlich nicht gleich, sondern nach langen Monaten der Arbeit, die mit viel Vertrauen seitens Mensch und Vogel verbunden war. Und was noch schöner war – sie lernte fliegen! Der alte Dompteur hatte viel Geduld mit Chromonoschka. Außerdem liebte er seine Artisten und wusste, dass das Fliegen für einen Vogel das Allerschönste ist, und gab nicht so schnell auf. Klein angefangen, konnte die neue Zirkustaube bald mit allen anderen Tauben im Kreis fliegen und hatte sogar eine kleine Rolle im Spektakel: sie stellte sich tot und wurde von ihrem Prinzen Pedro mit einem Küsschen zum Leben wieder erweckt. Danach flogen sie beide eine Hochzeitsrunde in der Halle: sie mit einem Tüllhäubchen auf dem Kopf und er mit einer Fliege am Hals.

Es vergingen Jahre. Als der alte Dompteur starb, wollte sein Nachfolger meine kleine Artistin im Vogelzirkus nicht mehr behalten. Er hielt wohl nicht viel von einer romantischen Liebe zwischen dem hübschen weißen Pedro und der grauen unansehnlichen Chromonoschka. Er setzte sie einfach aus, aber sie kam immer wieder über die weiße Parkmauer angeflogen, dorthin, wo ihre große Liebe war, wo ihre Küken sich zu berühmten Stars entwickelten und wo sie fliegen lernte. Stundenlang saß sie auf der hohen Stange über dem Vogelgehege und glaubte, dabei zu sein. Das Netz darunter störte sie überhaupt nicht – sie konnte ja alles sehen und hören, was da unten passierte.

Die kleine Chromonoschka lebt immer noch und manchmal sucht sie die Gesellschaft der Zweibeiner, den sie allerding nur mit Vorsicht vertraut. Sie humpelt von Handtuch zu Handtuch über den heißen schwarzen Strand von Teneriffa. Ich habe sie letztes Jahr während des Urlaubs auch gesehen und aus der Hand gefüttert. Sie machte einen ganz zufriedenen Eindruck.

Und jetzt wartet ihr wahrscheinlich auf die Moral? Es gibt keine. Es ist wie es ist und kommt wie es kommt, und kein Vogel und kein Psychoanalytiker weiß manchmal, wie man das ändern könnte.

Teneriffa, 2011